„Wir müssen lernen, zusammen zu leben“

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Wie Sprachpartnerschaften dabei helfen, die gleichen Werte zu teilen

Kriege, politische Konflikte und Druck gab es zu jeder Zeit auf der Welt. Es gab immer außergewöhnliche Zeiten in der Geschichte der Türkei und ihrer Opfer. Wir sind Opfer des Mordes am Recht, an der Freiheit, der Menschlichkeit.

Ich habe auch Worte geschrieben, die jemand nicht mochte. Und ich habe Worte gesagt, die noch nicht gesagt worden waren. Wir haben viele Widrigkeiten in unserem kurzen Leben gesehen. Meine schätzenswerte Frau ist nur ein unschuldiges Kind in meinem turbulenten Leben als Journalist. Dann wurden wir aus unserem Land weggerissen, da wir in der Türkei nicht frei sein konnten. Wir fanden uns in einem Land wieder, in dem wir die Sprache nicht beherrschten. In Deutschland haben wir aber unsere Freiheit wiedergefunden. Ich will nicht länger darüber schreiben, weil es nicht das Thema dieses Artikels ist.

Bloß keine kalten Füße bekommen: Eine Sprachpartnerschaft hilft dabei, im neuen Land anzukommen. Foto: Sebastian Unrau

Eine ungewisse Situation

Drei Monate nach der Ankunft in Deutschland wurden wir in ein kleines Dorf am Fuße der Alpen geschickt, ein Dorf, in dem es schöne Menschen und Aufrichtigkeit gibt. Wir waren in einer ungewissen Situation. Wir haben auf das Ergebnis unseres Asylantrags gewartet. Aus eigenem Antrieb haben wir in unserem 12qm-Zimmer versucht, die deutsche Sprache zu erlernen. Unser Asylantrag wurde neun Monate später bewilligt. Ein paar Monate später, durch unsere Bemühungen und dank der Hilfe einiger Freiwilligen, bestanden wir die B1-Prüfung. Allerdings muss ten wir mehr tun. Wenn wir in diesem Land leben wollen, müssen wir sehr gute Sprachkenntnisse haben. Ich bewarb mich für ein Stipendium der „Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule“. Ich wurde akzeptiert. Ich fand einen Kurs, wo ich die Sprache bis C1 lernen konnte. Aber der Kurs war in München. Die Strecke ist lang und anstrengend, aber ich hatte keine Wahl. Deutsch war nicht leicht zu lernen. Ihr Reichtum beruht darauf, dass es nicht einfach ist. Aber das Reden fällt mir schwerer als das Schreiben.

„Willkommen in deinem neuen Land.“

Elif vom Münchner Flüchtlingsrat, die ich in einer Veranstaltung kennengelernt habe, brachte für meine Situation viel Verständnis auf und sagte: „Ich kann dir dabei helfen.“ Eine Woche später habe ich von ihr eine E-Mail über Sprachpart-nerschaften bekommen. „Ich habe auch einen Sprachpartner für dich gefunden.“, sagte sie in Ihrer E-Mail. Der Termin war Mittwoch, den 2. Mai. Ich ging an einem regnerischen Nachmittag mit meinem nassen Mantel in das Büro in der Goethestraße. Neben Elif stand eine Frau mit kurzen, kastanienbraunen Haaren. Ihr Gesichtsausdruck sagte mir: „Ich bin bereit zu helfen.“ Ihr Name war Eva. Wir schüttelten uns die Hände. Eva fasste es zwar nicht in Worte, aber sie übermittelte aufrichtig aus ihrem Herzen: „Willkommen in unserem Land; willkommen in deinem neuen Land.“ Wir haben uns verabredet, um uns eine Woche später am Marienplatz zu treffen. Wir treffen uns seitdem einmal pro Woche. Sie erzählt mir etwas, ich erzähle ihr etwas. Ich gehe mit Eva an viele Orte, die ich noch nie gesehen habe. Eva mochte es nicht, bei regnerischem und kaltem Wetter draußen spazieren zu gehen. Wir gingen die meiste Zeit während der Wintermonate in Cafés. Wir erzählten uns gegenseitig, was während der letzten Woche in unserem Leben passiert ist. Sie ist eine erfolgreiche Ingenieu rin. Ich bin ein idealistischer Journalist. Manchmal sagte sie: „Wenn du doch ein Ingenieur wärst, könnte ich dir vielleicht mehr helfen.“ Wir haben den Sommer draußen verbracht. Manchmal hielten wir unsere Füße in das kalte Wasser am Ufer der Isar, manchmal tranken wir Tee auf der Wiese im Englischen Garten, während wir über das Leben gesprochen haben. Ich erzählte ihr von unserer Kultur, sie erzählte von der deutschen Kultur und der Art, wie sie die Dinge betrachtete. Eva und ich hatten verschiedenen Farben. Sie war bunter als ich, immer positiver. Vielleicht sieht das Leben wegen der dunklen Tage, die ich erlebt habe, für mich grauer aus. Sowieso wäre es langweilig, wenn es nur eine Farbe im Leben gäbe. Natürlich konnten wir uns nicht auf alles einigen. Vor allem waren unsere Vorstellungen von Integration manchmal anders. Aber wir haben und tragen gemeinsame Werte. Wir beide glauben an Menschenwürde, Demokratie, Vielfalt. Wir haben immer unseren Respekt gegenüber einander behalten.

Man fühlt sich zunächst einsam

In der türkischen Kultur legt man viel Wert auf alte Menschen und den Respekt vor ihnen. Ich habe jede Woche nach ihrer Familie gefragt. Ihre Mutter ist krank, und ihr Vater war oft krank. Ich denke, sie fand das zuerst seltsam, dass ich zuerst nach den Eltern fragte, aber sie hat dann verstanden, dass das in unserer Kultur so ist. Man fühlt sich zunächst einsam. Aber dann macht man sich Hoffnungen auf die Existenz von Menschen, die die gleichen Werte teilen, die Wert auf die Menschenwürde legen, die versuchen, etwas für andere zu tun. Man sagt, ja, selbst wenn man nicht die gleiche Sprache spricht, gibt es jemanden, der mich vesteht. Kafka sagte zu Milena in seinem Brief: „Der Mensch ist frei, wenn er allein ist.“ Aber ich habe mich mit Eva immer sicherer gefühlt. Ich habe viele neue Wörter und Sätze von Eva gelernt. Sie hörte mir mit viel Geduld zu, wenn ich in meinem gebrochenen Deutsch gesprochen habe. Sie hat meine Sprachfehler mit Sorgfalt korrigiert, ohne mich zu beleidigen. Sprachpartnerschaft ist nicht nur zu versuchen, die gleiche Sprache zu sprechen oder die Sprache zu verbessern, sondern die gleichen Werte zu teilen, in der gleichen Welt zu leben und gemeinsame Emotionen zu fühlen. Sprachpartnerschaft ist nicht nur Deutsch, sondern in der Sprache der Menschheit zu sprechen. Ich habe nicht nur gelernt, mit Eva zu reden. Eva ist nicht nur eine Sprachpartnerin für mich. Manchmal teilten wir unsere Traurigkeit, manchmal unsere Freude. Manchmal haben wir über heute gesprochen, manchmal über unsere Hoffnungen für die Zukunft. Meiner Meinung nach dachte Eva nicht nur: „Lass mich in meiner Freizeit Menschen helfen.“ Sie dachte pragmatisch. „In unser Land sind Tausende von Menschen gekommen, sie sind unsere Zukunft. Wir müssen sie in die Gesellschaft integrieren und lernen, zusammen zu leben.”, sagte sie. Kurz ge- sagt, wenn jeder, der von hier stammt, sein könnte wie Eva, wenn sie wenigstens versuchen würden zu verstehen, würde es heute keine der politischen Debatten, Krisen und sozialen Konflikte aufgrund von Flüchtlingen geben. Menschen, die den größten Respekt in der Welt verdienen, sind diejenigen, die etwas tun, ohne etwas von anderen zu erwarten.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.