Was bedeutet eigentlich „Afghani“?

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Ein persönlicher Bericht über Diskriminierung im Iran

Manche Deutsche verstehen nicht, warum Afghaninnen und Afghanen den Iran verlassen, obwohl es ihnen dort vermeintlich gut geht. Hier ist meine Geschichte:

Ich bin ein Flüchtling, und seit ich mich erinnern kann, war ich immer ein Flüchtling. Als ich meine Augen geöffnet habe, habe ich mich so wie alle Kinder auf dieser Welt gefühlt. Und unsere Welt war die Welt unseres Stadtviertels.

Was mögen alle Kinder auf dieser Welt? Sie spielen gerne! Wir spielten mit Puppen auf der Straße: Diesmal waren wir die Mutter, und die Puppen waren unsere Kinder. Wir kochten und wuschen für sie, und sie bekamen Essen von uns. Andere Spiele waren Hüpfen mit Steinen oder Seilspringen.

Mit wem spielte ich? Es waren Kinder, die genauso aussahen wie ich: klein, schwarzhaarig, und alle sprachen wir eine Sprache.

Erst später habe ich erfahren, wer meine Spielkameraden waren: Es waren afghanische und iranische Kinder. Afghanistan und Iran? Zwei Länder? Was hatte das zu bedeuten? Sind Menschen aus dem Iran anders als die Menschen aus Afghanistan? Ich habe damals nicht verstanden, warum jemand einen Unterschied macht zwischen dem Iran und Afghanistan. Jemand sprach von zwei Ländern und davon, dass die einen besser seien als die anderen.

Es dauerte nicht lange, bis ich das Wort „Afghani“ hörte. Das Wort „Afghani“ bedeutet eigentlich meine Nationalität, aber viele Iraner benutzen es als Beleidigung. Damals habe ich mich zum ersten Mal als fremder Mensch gefühlt. Das ist wirklich ein schlechtes Gefühl, und eigentlich will dies niemand.

Je älter ich wurde, desto weniger iranische Kinder spielten mit uns. Und als ich erwachsen war, gab es gar keine iranischen Jugendlichen mehr bei uns.

Je größer ich wurde, desto größer wurde auch meine Welt. Und die Politik gab mir eine Erklärung für das Wort „Afghani“: Ich war eine von drei Millionen Afghanen und Afghaninnen, die im Iran gestrandet sind. Ich gehöre zu einer Generation, die im Iran geboren und aufgewachsen ist. Und wir haben viel Diskriminierung erlebt. Wir wurden in der Gesellschaft immer ignoriert. Und der Iran hat unsere Generation immer ausgenutzt.

Deswegen habe ich mich genauso wie meine Eltern entschieden, zu flüchten. Meine Eltern sind vor dem Krieg geflohen, ich bin vor Krieg und Diskriminierung geflohen.

Parastu*, 24 Jahre aus Afghanistan

(*Der Name ist aus Gründen der Sicherheit der Person frei gewählt)

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.