Unser Haus mit begrüntem Innenhof

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Erinnerungen an meine Heimat

Ich erinnere mich an ein großes Haus in einer schmalen geschäftigen Straße. Das Haus war groß und wir hatten eine kleine blaue Tür. Es gab einen großen Hof mit einem Garten in der Mitte, der voll mit Blumen und Traubenbäumen war. Das Haus war um einen Hof herum gebaut. Gegenüber von uns lebten zwei andere Familien, die wie wir auch viele Jahre dort gewohnt hatten. Jeden Tag spielten Kinder im Hof, stritten und es wurde laut gelacht. Familie Ahmed war schon seit Langem mit meinen Eltern befreundet.

Als meine Eltern in den Iran gekommen sind, haben sie sich im Haus kennengelernt und angefreundet. Die anderen Familien und Familie Ziba waren noch nicht lange da. Sie waren erst seit einem Jahr bei uns. Eigentlich waren wir und Familie Ahmed „Gastgeber-Familien“ in diesem Haus. Die dritte Familie wechselte immer durch. Manche waren ein Jahr wie Familie Ziba da, andere länger. Ich habe viele Geschichten und Sprachen in diesem Haus gesehen und erlebt. Sie waren unfassbar und teilweise sogar lustig.

Ein gemeinsamer Innenhof: Hier teilen die Bewohner glückliche wie traurige Zeiten. Illustration: Antje Krüger

 

Ein Familienschicksal

In diesem Artikel möchte ich gerne über diejenige Familie schreiben, die ich aus der Nähe erlebt habe. Die oben genannte Familie hatte drei Jungen in meinem Alter und vier Töchter. Die Töchter waren schon lange verheiratet. Manche hatten auch Kinder und waren in einer anderen Stadt. Der Vater und der große Bruder von Ahmad arbeiteten immer zusammen in einem kleinen Super-markt, den sie selber eröffnet hatten. Sie wollten, dass die anderen Brüder in die Schule gehen und dann vielleicht studieren. An einem Tag wollten Ahmads Vater und sein Bruder wie immer zur Arbeit gehen. Leider war es an einem nicht so schönen Tag im Herbst. So passierte es, dass der Vater und der große Bruder von Ahmed auf dem Weg zur Arbeit bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind.

Trauerzeit

Ja, das war für die ganze Familie schwierig, aber unerträglich war es für Ahmad! Er war ein 15-jähriger junger Mann, der bis dahin immer beste Leistungen in der Schule gezeigt hatte. Nach der Trauerzeit, die lange gedauert hat, änderte sich je- doch alles. Bei der Beerdigung waren alle schwarz angezogen, viele kamen zu Besuch und die Töchter weinten viel. Die klei- ne Tochter, die eng mit ihrem Vater und Bruder verbunden war, musste sogar ins Kranken- haus gebracht werden.

Nach 40 Tagen war die Trauer- zeit beendet. Dann brachten Freunde und Bekannte weiße Kleidung, gaben sie der Mutter sowie Mohammed, dem Bruder von Ahmad. So meinten sie, dass Trauer und Weinen ein Ende haben würden und die Familie jetzt weiterleben müsste. Alle wünschten der Familie für das Trauerende ein restliches „weißes“ Leben. Bei uns ist es Tradition, dass Freunde und diejenigen, die einem nahestehen, zusammen weiße Kleidung bringen und diese der trauernden Familie schenken. Es ist auch normal, dass vor allem ältere Leute sprechen und damit die Familie beruhigen. Das Haus war ruhig und kalt.

Ahmad verändert sich

Der Herbst war zu Ende, aber trotzdem war der Hof voll mit gelben und orangefarbenen Traubenblättern.

Nach ein paar Monaten bekamen wir mit, dass die Mutter von Ahmad Streit mit ihm hatte und sagte: „Wieso triffst du dich mit schlechten Menschen? Heute hat die Schule angerufen und deine Lehrer haben gesagt, dass du seit einer Woche nicht in der Schule warst! Sie gab ihm eine schallende Ohrfeige.

Er rannte schnell aus dem Haus raus und schrie: „Ich weiß nicht, wie ich ohne meinen Vater weiterleben kann.“ Ich sah auch, wie er wieder- holt mit seiner Mutter wegen Geld Streit hatte. Nach dem Streit rauchte er viele Zigaretten und traf sich immer wieder mit Freunden, die ihm nicht guttaten. Vor dem Unfall seines Vaters und seines Bruders war Ahmad ein ruhiges und lustiges Kind. Er war viel mit anderen Kindern zusammen. Nach dem Unfall seines Vaters wurde er leise. Er war sehr nervös und spielte nicht mehr mit den anderen Kindern. Ich habe ihn immer in Gedanken gesehen. Er zeigte seine Depression, aber niemand hat mit ihm über seine Probleme gesprochen. Seine Mutter war beschäftigt mit den Töchtern. Sie war kaum zu Hause. 

 

Ahmad war meistens alleine da. Manchmal kam er mit seinen Freunden nach Hause und sie waren bis morgens laut. Sobald Ahmad sah, dass seine Mutter nicht da war, lud er sich Freunde ein und machte Party. Noch schlimmer wurde es bei ihm, als sein Bruder Mohammed nach Afghanistan zurückging, weil er sich im Iran nicht zurechtfand. Mohammed war einfach irgendwann weg. Er wollte allein sein Leben auf- bauen. An einem Nachmittag, als mein Vater etwas vom Lagerhaus bringen wollte, sah er Ahmad, wie er Opium rauchte. Mein Vater stritt mit ihm. Mein Vater sollte es niemandem sagen. Aber weil sich mein Vater um Ahmads Gesundheit Sorgen machte, sprach er mit Ahmads Mutter und erzählte ihr, was er gesehen hatte. Die Mutter glaubte meinem Vater leider nicht, dass ihr Sohn von Opium abhängig geworden war.

Nach ein paar Monaten sagte seine Mutter uns, dass Ahmad von ihr Geld und auch Tische, Stühle sowie Teppiche klaut: Nur so konnte er sein Opium kaufen. Mehrmals hat sie mit den Freunden, die vor der Tür auf der Straße waren, gestritten, aber sie waren unhöflich zu ihr und ließen nicht von Ahmad ab.

Die Situation spitzt sich zu

Mit der Zeit wurde es immer schlimmer mit Ahmad: Er lief wie eine Schildkröte und sprach sehr langsam. Seine Mutter war sehr in Sorge. Sie entschied, ihn ins Hochlager zum Entzug zu schicken. Nach ungefähr 25 Tagen war er wieder zu Hause und seine Mutter war glücklich, dass er angeblich gesund zurückgekommen war. Doch es dauerte nicht lange und er fing wieder an zu klauen und Opium zu rauchen. Seiner Mutter war es peinlich, so einen Sohn zu haben. Mei- ne Eltern und andere Freunde versuchten ihr zu helfen, wo es ging. Wenn er zu Hause war, stritt er nur mit seiner Mutter und wollte immer mehr Geld haben. Er verließ die Schule und war unglaublich traurig und nervös.

Dann entschied seine Mutter, wenn Ahmad heiratet, wird er gut und er würde vom Opium ablassen. Ein Mädchen, das Ahmed gefiel, wählte seine Mutter aus und die beiden heirateten. Leider ging die Ehe nur wenige Tage gut. Wieder fing Ahmed zu rauchen an. Seine Frau war sauer und verließ ihn. Dann war Ahmad einen Monat lang nicht zu Hause. Seine Mutter und Bekannte suchten ihn. Manche sagten: „Wir haben ihn unter einer Brücke schlafen sehen, wir haben ihn betteln sehen…“ Seine arme Mutter weinte nur und suchte ihren Sohn dauernd. Niemand wusste, wo er ist, ob er noch lebte oder in eine andere Stadt geflohen war? Hier in Deutschland hat unsere Familie dann erfahren: Ahmads Mutter starb letztes Jahr, ohne ihren Sohn noch einmal gesehen zu haben.

Warum?

Leider wird in Afghanistan viel Opium angepflanzt und in den Iran verkauft. Deswegen sind viele junge Leute abhängig. Es macht mich traurig und ich frage mich, warum die Medien und auch die Familien den Jugendlichen nicht klarmachen: Opiumkonsum ist sehr gefährlich und verursacht schwere Abhängigkeit! Dies ist nur eine von vielen ähnlichen Geschichten, bei der es an Unterstützung für Familien mangelt.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit der Redakteurin Christine Beihofer-Arndt entstanden.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.