Sage nicht vielleicht, wenn du eigentlich Nein sagen willst!

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on pinterest

Der NeuLand-Autor Adnan Albash entschlüsselt in diesem Artikel kulturelle Codes. Dabei weckt er mit viel Humor die Lust, diese lesen zu lernen.

“Sage nicht vielleicht, wenn du eigentlich Nein sagen willst!” – Dieser Satz ist vielleicht der wichtigste Satz, den die Syrer in Deutschland als erstes verstehen und lernen sollten.
Ich kann sagen, dass es so etwas wie ‚nein‘ in unserer Kultur nicht gibt. Ich weiß nicht, warum es so schwierig für mich ist, „nein“ zu sagen oder etwas abzusagen, wenn mich jemand zu irgendetwas einladen möchte. Ich weiß auch nicht, wie ich das definieren soll. Hat das etwas mit Höflichkeit oder mit Schüchternheit zu tun?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich komme immer zu einer Notlüge, um mich vor dem „Nein“-Sagen zu drücken.

Illustration: Antje Krüger

Ich erinnere mich an mein Verhalten, als ich nach Deutschland gekommen bin, wenn die Leute mich fragten, ob ich etwas trinken möchte und ob ich etwas Bestimmtes trinken möchte. Heute muss ich darüber lachen, aber ich habe immer so etwas geantwortet wie: „Wie du möchtest.“ oder: „Mir ist es egal!”. Es könnte mir egal sein, denn ich trinke und esse ja fast alles, aber ich habe das immer gesagt, weil ich vielleicht nicht wollte, dass jemand durch meinen Wunsch etwas besonders Aufwendiges machen muss. Es ist für mich nicht nur eine Herausforderung, ja eigentlich kaum möglich, „Nein“ zu sagen, sondern ich kann auch meine Meinung nicht ehrlich sagen, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht oder wie ich sein Essen oder seine Kleidung finde. Ich habe das an mir nicht bemerkt, als ich in Syrien war; ich habe den Unterschied erst hier gesehen, als ich die Deutschen kennengelernt habe. Man braucht nicht so viel zu erklären, um zu beweisen, dass die Deutschen sehr direkt sind. Man braucht einem Deutschen etwas nicht ein- oder zweimal zum Trinken oder zum Essen anbieten, wenn er bereits beim ersten Mal „nein“ sagte. Ich finde es manchmal unhöflich, dass sie so ein starkes Nein sagen, aber manchmal verstehe ich das.

Gastfreundschaft

In Syrien fragt der Gastgeber öfter, ob jemand etwas essen oder trinken möchte. Ich finde es manchmal nicht nett, dass die Deutschen nur einmal fragen, ob ich etwas trinken möchte. Ich sage zuerst „nein danke“, aber sie fragen mich nicht nochmal und dann sage ich mir, ich hätte „ja“ sagen sollen.
Manche empfinden meine Gastfreundschaft als Belastung und manche sagen mir direkt, dass sie das nicht möchten oder nicht akzeptieren können. Meine Mitbewohnerin zum Beispiel sagte mir immer, dass sie sich bei ihren Kollegen darüber beschwert, dass ihr Mitbewohner (also ich) sie dick machen möchte. Sie könne mein sehr leckeres Essen nicht abschlagen, so sagte sie immer, dass sie das jedoch dick mache. Außerdem meint ein „Nein“ bei den Deutschen wirklich „Nein“ und nicht etwas anderes, hier kann man nicht widersprechen oder nochmal versuchen, die Meinung des Deutschen zu ändern. Aber im Vergleich zu den Deutschen sagen wir niemals „nein“, auch wenn wir das wirklich sagen möchten.

Das syrische/arabische „Nein“

Anstatt „Nein“ sagen wir ‚Inschaallah‘, das bedeutet: Wenn Gott will.
Oder wir sagen ‚Bdeklek‘, und das bedeutet: Ich rufe dich an und sage dir Bescheid; es wird aber nicht angerufen und es wird nicht Bescheid gegeben. Ein kleines Beispiel: Jemand hat Geburtstag und lädt mich ein, ich möchte nicht hingehen, weil ich müde bin oder weil ich keine Lust darauf habe oder weil ich etwas anderes Wichtiges machen muss. Hier kann ich nicht absagen, weil ich es unhöflich finde, seine Einladung nicht anzunehmen. Ich sage eine der Möglichkeiten: ‚Inschaallah‘, wenn Gott will, oder ‚Bdeklek‘, ich rufe dich an und sage dir Bescheid. Der Syrer versteht hier sofort, dass ich nicht komme, die Deutschen wissen das noch nicht. Aber was mache ich, wenn ich noch einmal am Tag des Geburtstags gefragt werde, ob ich kommen werde? Dann werde ich plötzlich krank oder jemand ist sehr krank geworden und ich muss leider bei ihm bleiben. Obwohl ich jetzt in Deutschland bin und obwohl ich mehr Kontakt mit Deutschen als mit Syrern habe, ist es für mich immer schwierig, so direkt wie ein Deutscher zu antworten.

Ich weiß nicht; es gibt etwas in mir, was das nicht lernen möchte.
Ich werde immer noch meine Wörter (‚Inschaallah‘ und ‚Bdeklek‘) benutzen. Ich werde dir mein Essen zwei- und drei- und viermal anbieten. Ich werde auch immer sagen, dass deine Kleidung sehr schön ist und dass du auch schön aussiehst, auch wenn ich das nicht finde.

Liebe Deutsche, falls ihr unsere Meinung zu irgendetwas wissen wollt, solltet ihr uns eure Fragen mehrmals stellen, weil die erste Antwort nur aus arabischen Komplimenten und arabischer Höflichkeit besteht. Und wer die Araber kennt, weiß ganz genau, wie schön unsere Worte sind und was für Schleimer wir sind.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.