Perspektiven einer Afrikanerin – Der Kampf in interkulturellen Beziehungen

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Wenn man zwei Menschen zusammenbringt, die aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Hintergründen kommen, machen sie zweifellos eine interessante Reise in einer Beziehung. Sehr viele Beziehungen haben viel Einfluss auf die Lebensweise beider Partner z.B. wenn man sich an die Kultur des anderen anpassen muss.

Ein schwieriger Aspekt für zwei Menschen ist, wenn jeder Mensch aus einem anderen kulturellen Hintergrund kommt. Sei es Sprache, Glauben oder Ethnizität – unterschiedliche Haltungen können einen Konflikt auslösen.

Ich habe ein paar Dinge über kulturelle Unterschiede in den Verhältnissen beobachtet und gelernt. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich einen Kulturschock. Auch was Beziehungen angeht. Wie genau bewegen Interkulturelle Unterschiede eine intime Beziehung?

Ich hatte eine spannende Beziehung mit einem deutschen Mann, als ich in dieses Land kam. Aus meiner Erfahrung werde ich euch sagen, dass es nicht einfach war. Weil viele unserer Meinungsverschiedenheiten aus riesigen kulturellen Unterschieden stammten. Zum Beispiel, wie wir aufgewachsen sind, was wir von unseren Eltern gelernt haben und was normal ist – in Bezug auf das Heimatland.

Uli (Pseudonym) und ich kommen aus zwei sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Er wurde in Deutschland geboren. Nie hat er Deutschland verlassen. Seine Heimat war immer Bayern und er war kein Akademiker. Ich bin in Afrika geboren und im östlichen Teil Ugandas in den Bezirken Soroti aufgewachsen. Uli und ich hatten völlig unterschiedliche Haltungen, eine der größten kulturellen Unterschiede zwischen uns war unsere Perspektive auf das Leben. Als Afrikanerin bekam ich nichts auf einem Silbertablett. Ich wurde gelehrt, die kleinen Dinge zu schätzen und immer das Beste zu hoffen. Wie bei allen Afrikanern, war meine Einstellung zum Leben entspannter und sorgloser. Nach dem Motto: What ever will go wrong will surely do. Ich würde es als mein Lebensmotto beschreiben. Es fordert mich auf, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Illustration: Johanna Baader

Zeitmanagement

Ugandische Leute haben kaum Stress oder Sorgen. Und Uli machte sich immer Gedanken über fast alles. Insbesondere wenn es um die Zeit für unsere Dates ging, führte dies immer zu hitzigen Auseinandersetzungen.

Wie man sagt, die Europäer haben Uhren und die Afrikaner die Zeit. Ich kann es bestätigen, dass die Zeit keine wesentliche Rolle spielte, besonders wenn ich im Begriff war, meinen Partner zu treffen. Meine Meinung war immer, er würde mich verstehen, wenn ich eine halbe Stunde oder sogar eine Stunde später komme.

Vor allem, wenn er zu Hause war, konnte er entspannen und auf mich warten. Statt sich um mich zu sorgen, weil ich zu spät komme. Zeit wurde ein Mega-Problem in unserer Beziehung. Trotz der heftigen Auseinandersetzungen über Pünktlichkeit kam es mir dann, dass es in Deutschland sehr wichtig ist, die vereinbarte Uhrzeit einzuhalten.

Auf der anderen Seite, wenn es um die Vorausplanung für die nächsten Wochen ging, haben wir wieder gestritten. Als junges Mädchen wurde ich gelehrt, den Tag zu nehmen wie er kam. Ich glaube, dass viele Menschen in Afrika das Gleiche tun. Also war für mich die wochenlange Vorausplanung eine Unbekannte. Manchmal dachte ich,  dass mein Partner unspontan und verspannt ist. Und dass er sich ein wenig entspannen soll und aufhören soll, sich Gedanken zu machen und sich über mich zu beschweren.

Liebe und Zuneigung

In Uganda, woher ich stamme, schütteln wir als Partner die Hände, um uns zu begrüßen und selten umarmen oder küssen wir uns. Aber die deutsche Kultur ist ganz anders. Sie küssen und umarmen sich in zärtlicher Liebe, auch in der Öffentlichkeit.

Weil in meiner Kultur Zuneigung – vor allem in der Öffentlichkeit – ein Tabu ist, kann nur im Schlafzimmer zwischen zwei Personen die Liebe gezeigt werden. Aus diesem Grund war ich immer zu schüchtern, ihn zu küssen, seine Hand zu halten, und ihn zu umarmen, vor allem in der Öffentlichkeit. Dies führte auch zu Diskussionen und Misstrauen. Weil ich diese Dinge nicht getan habe, dachte er, dass ich ihn nicht liebte.

Trotz der Erklärung, dass das meine Kultur ist, fühlte er sich immer unsicher und hat nie aufgehört, sich darüber zu beklagen. Aber ich musste mich der Kultur dieses Landes langsam anpassen.

Wir sind uns alle darüber einig, dass Ausdrücke der Liebe ein sehr großer Teil einer Beziehung ist. Wenn jemand das Bedürfnis des anderen, Liebe zu empfangen, nicht erkennt, kann es zu einigen wichtigen Problemen in der Beziehung führen. Wir wissen auch, dass das Vertrauen in den Beziehungen der Klebstoff ist, der zwei Menschen aneinander bindet, wenn sie ein gemeinsames Problem lösen müssen. Aber wenn einmal Misstrauen aus kulturellen Unterschieden entsteht, führt es zu nichts, sondern zu mehr Streit.

Kochen und Essen

Kultur spielte auch eine wichtige Rolle in unserer Küche. Was gegessen wird und wann, war eine Herausforderung. Wir Afrikaner lieben unsere Köstlichkeiten manchmal so sehr, dass wir unsere Küchen nicht an unsere Partner anpassen wollen. Sagen wir: jeder weiß seine Küche zu schätzen. Zum Beispiel: Wir in Uganda integrieren eine Vielzahl von Gerichten in eine Mahlzeit. Wie ein Buffet. In einer Mahlzeit nehmen wir ein bisschen Kartoffeln, etwas Gemüse, ein wenig Reis und etwas Erdnuss-Sauce und ein paar Bohnen. Sobald ich eine solche Mahlzeit für meinen Partner vorbereitet hatte, begann eine neue Diskussion. Für ihn hatte es keinen Sinn, ein bisschen Kartoffeln und Reis zusammen auf einer Platte zu haben, weil sie beide zur gleichen Lebensmittelgruppe gehören.

So sehr ich sein Argument verstanden habe, hat für mich eine Vielzahl von kleinen Gerichten in einer Mahlzeit mehr Gewicht, weil ich so erzogen wurde. Auf der anderen Seite, wenn er seine bayerische Küche zu Hause machte, war es wie ein Fastentag für mich. Ich fand es wirklich geschmacklos. Auch bei Kartoffeln, habe ich immer in einer afrikanischen Art und Weise gekocht und er wollte immer, dass ich auf die deutsche Art koche. Dies ärgerte ihn so sehr, dass er nicht mehr kochen wollte. Um jeden von uns beiden glücklich zu machen, mussten wir eine Balance finden, die es möglich machte, dass beide ihre kulturellen Vorlieben unter einem Dach genießen können. Sicher war ich zur Einhaltung seiner kulturellen Normen mehr bereit, als er zu meinen. Gewiss, interkulturelle Beziehungen bilden viele Gelegenheiten für Missverständnisse. In den meisten afrikanischen Ländern werden Knochen oder sogar Hühnerknochen gekaut. Es ist normal und von entscheidender Bedeutung für die Stärkung der Zähne – im Gegensatz zu den westlichen Kulturen, wo der Knochen nur abgenagt wird wie in Bayern. Die meisten westlichen Kulturen finden es auch unhöflich, Essen in den Mund zu stecken und wieder auszuspucken. Die meisten afrikanischen Kulturen finden, dass das Ausspucken normal ist, insbesondere beim Essen mit Knochen. Dagegen fordern die westlichen Kulturen, dass man kleine Bissen isst, oder besser noch, dass man einfach sein Essen richtig klein schneidet. In meiner Kultur essen wir in Gruppen alles von einer Platte. Je mehr große Klumpen ich esse, desto besser für mich, so werde ich schneller satt. Diejenigen, die zu langsam beim Essen sind, sind am Ende der Mahlzeit noch hungrig.

Solche starken Unterschiede gibt es fast zwischen allen Kulturen auf allen Ebenen der Interaktion. Sei es sozial, emotional oder auch geistig. Uli fand es sogar seltsam, dass ich vor dem Essen gebetet hatte. Natürlich war er nicht der religiöse Typ. Manchmal zuckte ich nur die Schultern bei seinen Fragen oder Beschwerden und ich sagte “Typisch deutsch” Aber ich realisierte, dass ich unsere kulturellen Unterschiede nicht mehr leugnen konnte, weil es unsere kulturellen Unterschiede waren, die diese Konflikte verursacht hatten. 

Bildung und Rollenbilder

Als ich hierher zog, war es mein Plan, das höchste Bildungsniveau zu erreichen und einen guten Job zu bekommen. Zu diesem Plan meinte mein Partner, dass ich zu ehrgeizig sei. Wie ich schon sagte, war er nicht der akademische Typ. Wir waren genau das Gegenteil. Unsere Gespräche waren nur trivial und sehr begrenzt. Ich konnte mit ihm nicht  über die Weltpolitik, Kultur, Reisen usw. diskutieren.

In der Ugandischen Kultur oder sogar in den meisten afrikanischen Kulturen, ist es üblich, dass ein Mann sich um alle Bedürfnisse der Frau kümmert. So vom Einkaufen über Mahlzeiten bis zur Frisur und Kosmetika usw. Wenn ich um Geld gebeten habe, um meine Haare machen zu lassen, oder etwas einkaufen zu gehen, dachte er, dass ich sehr materialistisch wäre. Ich dachte mir insgeheim: “Es ist die Pflicht von meinem Mann, sich um mich zu kümmern”. Und in der Tat verursacht es eine Menge Konflikte. Eigentlich beklagen einige meiner deutschen männlichen Freunde bis heute immer noch, dass afrikanische Frauen sehr materialistisch sind. Ohne zu wissen, dass unsere Kultur, uns auf diese Weise geprägt hat. Wir sind es gewöhnt, uns an unsere Partner oder Ehemänner zu lehnen. Im Gegenzug müssen die Frauen ihre weiblichen Pflichten erfüllen und alle Hausarbeiten verrichten. Z.B. das Haus sehr sauber halten, die Wäsche waschen, kochen, die Betreuung der Kinder usw. Individualistische Kulturen (wie Europäer und Amerikaner), halten persönliche Unabhängigkeit für wichtig, während die afrikanische Kultur oder sogar asiatische Kulturen die Familien stärker wertschätzen. Das bedeutet, dass mein Partner sich nicht nur um mich kümmert, sondern auch ab und zu um meine Familie. Insbesondere wenn ich im Ausland bin, erwartet meine Familie Unterhalt. Und da sollte mein Partner helfen können. Das ist der Grund, warum viele afrikanische Kulturen ihre Töchter in einem zarten Alter verheiraten, so dass diese als Dienstleister für den Rest der Familie zur Verfügung stehen.

Intrakulturelle Unterschiede

 Grundsätzlich hat jedes Paar Unterschiede, auch wenn sie aus der gleichen Stadt oder vom gleichen Kontinent kommen. Wenn sich zwei Menschen zusammenfinden, finden sie auch die Unterschiede. Egal, ob sie Deutsche, Afrikaner, oder von einer anderen ethnischen oder religiösen Herkunft sind, müssen sie wissen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass sie in Beziehungen mit Menschen kommen, über die sie wenig wissen. Dies führt dann zu einem Lernprozess der anderen Kultur. Man könnte denken, dass die Afrikaner die gleiche Kultur haben, aber das ist völlig falsch.

Ein gute Freundin von mir, Annita, die auch Ugandischer Herkunft ist, hatte einen Afrikaner als Mann. Die beiden hatten Konflikte und kämpften tagelang, weil es kulturelle Missverständnisse in ihrer Beziehung gab. Sie liebte auch ihre ugandische Küche und er völlig seine nigerianische Küche. Für ihn war es nicht möglich, andere Speisen zu essen. Das arme Mädchen. Um die Beziehung zu halten, musste sie die nigerianische Küche kochen lernen. Die westafrikanische und ostafrikanische Küche sind völlig unterschiedlich. Westafrikanisch ist sehr scharf im Gegenteil zu der Ostafrikanischen Küche. Auf der anderen Seit glauben Nigerianer, dass die Dame in einer festen Beziehung immer zu Hause bleiben muss. Und nicht auf Partys gehen sollte, außer wenn sie zusammen sind (Keine Emanzipation). Dies führte immer zu einem Krieg zwischen den beiden, weil ugandische Leute Partys gerne mögen, wenn sie eine Gelegenheit haben. Andernfalls, wenn man sich an die andere Kultur anpasst und der andere bleibt resistent, dann können bittere Konflikte eskalieren. Und in den meisten Fällen sind es die Frauen, die die Kulturen von ihrem Partner annehmen. Aber die deutschen Frauen machen das nicht, sie mögen es, gleichberechtigt zu sein.

Ein nigerianischer guter Freund von mir, der mit einer deutschen Frau verheiratet war, hat mir erzählt, dass einige deutsche Frauen sehr besitzergreifend und beherrschend sind. Aber das kommt auch auf den Charakter an. Und dass sie es mögen, die Männer zu kontrollieren. In der Tat brach seine Ehe nach ein paar Jahren auseinander. 

Ich weiß auch von vielen anderen deutsch-nigerianischen Ehen, die durch die übersteigerte Erwartungshaltung der deutschen Frauen gebrochen wurde.

Eigentlich ist das Schlimmste, was eine Frau tun kann, einen afrikanischen Mann zu kontrollieren. Das ist wie ein Lagerfeuer anzuzünden. Das sollte sie nur machen, wenn sie will, dass er wegläuft, wie ein wütender Löwe. Und vor allem, wenn der Mann ein Nigerianer ist. Weil die Nigerianer die Frauen dominieren wollen. Aber ich glaube dass kein Mann es mag, von Frauen gesteuert zu werden. Weil die Frauen in Afrika den Männern untergeordnet sind. Wieder ist es eine kulturelle Sache.

Paul, ein anderer guter ugandischer Freund von mir, der mit einer italienischen Frau verheiratet ist, sagt, es gibt kein kulturelles Gleichgewicht in einer Beziehung. Aber es geht darum, wer der dominierende Partner ist, so dass der andere Partner in seine Richtung neigt. Er beschreibt seine Beziehung als sehr gut, weil es für sie beide um Verständnis für die andere Person geht. Und sie lassen jede Kultur gelten. Vor allem, wenn beide Parteien bereit sind, das Verhältnis in der Beziehung zu hegen und zu pflegen. “Wenn er sieht, dass seine Partnerin ihr Bestes tut, damit es funktioniert, dann muss ein Mann gut genug sein, um ihr zu helfen und sie glücklich zu machen”.

Im Allgemeinen: Wenn zwei Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenkommen, müssen sie sich aneinander anpassen, da es typisch für interkulturelle Beziehungen ist, Schwierigkeiten zu begegnen. Die meisten Paare schaffen es, kulturelle Unterschiede zu überwinden, während es für die anderen schwierig ist.

In interkulturellen Beziehungen haben beide Partner einen Teil ihrer eigenen Kultur abzugeben und einer gemeinsamen Kultur anzugleichen, z.B. Gewohnheiten, Erziehung, Taktik usw. Und sie sollten sogar mit der Familie des anderen zurechtkommen, auch wenn die Familie nicht wohlwollend ist.

Am Ende ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Beziehung, geduldig zu sein und die andere Person zu respektieren.  Denn eine Beziehung ist immer eine harte Arbeit. Aber es lohnt sich am Ende, wenn zwei Menschen die ineinander verliebt sind, sich gemeinsam auf anspruchsvolle Probleme fokussieren. Und sie müssen zusammenhalten, wenn die Dinge schwierig sind. Sich gegenseitig unterstützen, auch wenn es sich entmutigend anfühlt, sonst besteht die Gefahr, dass ihre Beziehung zerbricht. Aber wenn sie denken, dass ihre Beziehung zum Scheitern verurteilt ist, dann können sie daran arbeiten dass es nicht dazu kommt. Auch wenn die Zuneigung zueinander aufrichtig sein kann – sobald die Verliebtheitsphase verschwindet, wird es eine Menge Hindernisse geben, die überwunden werden müssen.

Manchmal ist es wahrscheinlich nicht leicht, die Hürden zu überwinden, aber Erfolg ist sicherlich möglich, mit einer starken Kommunikation und der Erkenntnis, dass es ein steiniger Weg sein wird. Ich denke, dass es darauf ankommt, wie sehr du bereit bist für deine Beziehung zu arbeiten, um sie zu erhalten.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.