Nach dem Krieg ist oftmals vor dem Krieg

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on pinterest

Wie ethnische Konflikte die Friedensbemühungen im Südsudan erschweren

Am 09. Juli 2016 feierte der Südsudan seinen 5. Unabhängigkeitstag. Gregory Goc war einige Tage vorher bereits in seinem Heimatland, um ein Brunnenbauprojekt seines Vereins „Sudan Face e.V.“ zu betreuen. Hier schildert er, wie er unbeabsichtigt zwischen die Fronten sich bekriegender ethnischer Gruppen und Politiker geriet.

Der Bürgerkrieg im Sudan war einer der längsten und blutigsten Bürgerkriege Afrikas. Er hatte 1955 begonnen, gleich nach der Unabhängigkeit des Sudans, und dauerte – mit einer Unterbrechung Mitte der 1970er Jahre bis Anfang der 1980er Jahre – bis ins Jahr 2005 an. Mehr als vier Millionen Menschen, zumeist Zivilisten, verloren in 22 Jahren Krieg ihr Leben. Die Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen war noch größer. Die meisten von ihnen sind mittlerweile in ihre Heimatorte zurückgekehrt. In den jährlichen Treffen der Südsudanesen in Deutschland, konnten wir feststellen, dass viele in Deutschland lebende Südsudanesen heimgekehrt sind.

Bei den jüngsten Kämpfen, die unmittelbar vor dem fünften Jahrestag der Unabhängigkeit des Südsudans ausbrachen, wurden innerhalb weniger Stunden in Juba (Anm. d. Red.: Hauptstadt des Südsudans) bis zu 270 Soldaten der Rebellen getötet. Von den regulären Streitkräften wurden dagegen 16 Soldaten ermordet. 

Wie ich diesen Tag erlebt habe

Die Gefechte begannen in Juba in dem Stadtteil, in welchem der Vizepräsident wohnte und zogen sich bis in die Stadtmitte, in das Hotel in dem wir untergebracht waren. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen wurden in ihre Botschaftsgelände evakuiert. Es gibt eine Internetseite des Auswertigen Amtes, auf welcher sich Personen registrieren lassen können, die in solche Krisenregionen reisen. Diese Homepage kannte ich bis dato nicht und hatte mich auch dementsprechend nicht registriert. Die Evakuierung fand also ohne mich statt.

Da ich aber in der deutschen Botschaft gewesen bin und meine Daten hinterlassen hatte, rief mich der Stellvertreter der Botschaft an und sagte mir, dass ich mich registrieren lassen muss. Ich stand im ständigen Kontakt mit der deutschen Botschaft in Juba. Sie wussten in welchem Hotel ich war. Es  waren aber Kämpfe in der Nähe meines Hotels und daher konnten sie mich am Samstag nicht abholen. Ich sollte mich in regelmäßigen Abständen bei der Botschaft melden.

Unser Hotel war aber in einem Stadtteil, welcher eingekesselt war. Dort gab es kein Essen mehr und auch keinen Strom. Meine Freunde und ich sind zu Fuß von Hotel zu Hotel gelaufen, um Essen zu suchen. Mit dem Auto zu fahren wäre zu gefährlich gewesen.

Ich kam gerade aus dem Wochenendtrip aus Kampala zurück, hatte Malaria und konnte mich nicht richtig erholen. Alle Krankenhäuser waren voll mit Leichen und es waren keine Ärzte anwesend, da diese in ein Armeekrankenhaus abgezogen worden waren.

Zufällig fand ich eine Apotheke, welche zu der Zeit offen hatte und konnte Malaria Tabletten kaufen. Ich hätte mich eigentlich ins Bett legen müssen, denn ich hatte über 40 Grad Fieber und Schüttelfrost. Aber ich musste von unserem Hotel zu den Anderen gelangen, damit ich Essen suchen und mich vor den Kämpfen verstecken konnte.

Ich möchte mit meiner Geschichte zum Ausdruck bringen, dass ein Land nach einem Krieg, am Beginn eines demokratischen Prozesses und nach jahrelangen Unruhen, oftmals vor der großen Herausforderung eines erneuten ethnischen Krieges steht.

Die letzten Jahrzehnte haben uns gelehrt, dass Länder wie der Irak, Libyen, Syrien und der Südsudan Armeen besitzen, welche aus unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen bestehen, die sich um Regierungsposten bekriegen.

Auch wenn diese Regierungen demokratisch gewählt wären, heißt es noch lange nicht, dass sie zu sicheren Ländern erklärt werden können. Es dauert oftmals sehr lange, bis die  ethnischen Konflikte geklärt sind.

Industrieländer, wie Deutschland stehen aktuell vor der großen Herausforderung der Abschiebung. So müssen zukünftig verstärkt Fragen gestellt werden, ab wann ein Schutz nicht mehr gegeben ist und wer dies definiert.