Monster mit Zangen und Engel in weiß

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Hätte ich Kopfschmerzen und keine Zahnschmerzen“. Das ist ein Sprichwort, das aus Syrien stammt. Da Zahnschmerzen nicht angenehm sind, sagen wir das. Niemand wünscht irgendjemandem diesen Schmerz, nicht einmal seinen Feinden, weil er so brutal ist. Es gibt mehrere Ursachen für Zahnschmerzen, z.B. eine schlechte Zahnpflege und zudem emplindliche Zähne, die für Karies anfällig sind. Leider lieben die Karies meine Zähne, deswegen bin ich jetzt ständig beim Zahnarzt. Als ich in Syrien war, ließ ich meine Zähne in Ordnung bringen, weil ich meine Zähne sowohl vor als auch nach dem Essen nicht putzte und meine Eltern nicht darauf achteten. Ich musste zum Arzt gehen, was neu für mich war, aber ich hatte unerträglichen Schmerzen. Ich musste im Wartezimmer bleiben und während des Wartens hörte ich ständig, wie die Menschen schrien. Das war überaus beängstigend. Ich wäre nun dran, sagte der Arzt zu mir, zu diesem Zeitpunkt fiel mein Herz aus Angst in die Hose. Er sah wie ein Monster aus und hatte in der Hand eine Zange und trug eine Brille und seine Zähne waren auch nicht in Ordnung, was für einen Zahnarzt eigentlich keine Werbung ist. Er versuchte, mich zum Lachen zu bringen, aber ich weinte, weil seine Scherze nicht witzig waren. Ich dachte damals, dass er mich fressen und in meinen Zähnen bohren würde, bis ich tot war. Ich war noch ein Kind und hatte viel Fantasie.

Viele Jahre später kam ich nach Deutschland und bekam wieder schlimme Zahnschmerzen. Ich sprach mit einer Betreuerin darüber und sie fand glücklicherweise eine Zahnärztin. Ich bekam noch am selben Tag einen Termin, wegen der starken Schmerzen. Ich hatte riesige Angst, denn ich sprach noch nicht so gut Deutsch und die Ärztin würde sich bemühen müssen, um mich zu verstehen. Ich verstand bestimmt nicht, wann ich meinen Mund öffnen und ausspülen sollte, sagte ich zu mir selbst. Endlich war ich in der Praxis, sie war nicht so weit weg. Ich stellte mir unterwegs viele Sachen vor, aber mit einem hatte ich nicht gerechnet: dass das ganze Team in der Praxis aus Frauen bestehen würde. Sofort flogen alle alten Vorstellungen weg, keine Zange, keine dummen Witze und ich vergaß meinen Schmerz, bevor ich behandelt wurde.

Mara Prodan war meine Zahnärztin und neben ihr gibt es auch immer eine Assistentin, während der Arzt in Syrien alles allein macht. Die Ärztin wusste, dass ich aus Syrien komme und seit ein paar Monaten in Deutschland bin, sie nahm ständig Rücksicht auf meine bescheidenen Sprachkenntnisse. Ein Zahn müsse weg, sagte sie. Das hat in meinen Ohren wie eine Bombe eingeschlagen. Außerdem müsse ich geröntgt werden. Alles hier ist sehr kompliziert und ich wusste, dass ich die ganze Prozedur nur mithilfe der schönen Ärztin überstehen würde, sagte ich zu mir selber. Die Operation begann, aber vorher sollte ich noch eine Spritze bekommen. Sobald ich die sehe, werde ich sofort ohnmächtig. Doch das war dann doch nicht so schlimm (aber auch nicht so leicht) und die Operation lief gut.

Es gab jedoch schlechte Nachrichten: meine Zähne seien in einem schlechten Zustand und ich bräuchte eine Krone und noch eine Brücke. Ich wollte zuerst nach Syrien zurückkehren, um meine Zähne beim alten Zahnarzt behandeln zu lassen. Aber das Problem bei uns ist, dass wir den Arzt nur besuchen, wenn wir Schmerzen haben, dagegen werden die Zähne hierzulande alle sechs Monate untersucht. Deshalb entdecken die Ärzte die Karies, bevor sie Schaden anrichten können. Auf diese Weise ist die Behandlung erfolgreich. Ich wollte alles durchführen lassen, denn mein Motto ist: Kleidung machen Leute, Zähne hingegen machen Gesichter. Die Behandlung dauerte etwa sieben Monate, das war sehr anstrengend. Ich habe sogar nachts davon geträumt und automatisch meinen Mund im Schlaf geöffnet, es war wirklich eine harte Zeit.

Foto: Praxis Almuth Mainker

Dank der modernen Technologie und der Erfahrung von qualifizierten Ärztinnen war es möglich, schöne Zähne zu bekommen. Es ist offensichtlich, dass die neuen Instrumente eine große Rolle gespielt haben. Es könnte aber auch sein, dass ich meinen Kopf verloren habe, als ich die schöne Ärztin gesehen habe und nicht das Monster.

Abschließend möchte ich sagen, dass man regelmäßig zum Arzt gehen muss, ob man Schmerzen hat oder nicht. Die Zähne müssen gepflegt werden, denn sie sollen das ganze Leben bleiben und wenn wir sie verlieren, können wir nicht richtig essen und sehen nicht gut aus. Ich bedanke mich bei der Almuth Mainker Praxis für die sehr gute Behandlung und für die Geduld.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.