Moment der Wahrheit

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Ich bin Lenda und komme aus dem Irak, aus einer großen Familie, die einen starken Glauben hat und in der Tradition sehr wichtig ist. Ich wurde als kleines Mädchen immer unterdrückt und bloßgestellt, wie viele Kinder aus meinem Dorf. Trotz aller Unterdrückung war ich neugierig und wollte zur Schule gehen, aber meine Eltern ließen mich nicht. Sie meinten, ich soll lieber gut im Haushalt sein, weil ich später heiraten muss. Ich gab nicht auf, mochte zur Schule gehen und Ärztin werden. Manchmal fragte ich mich, warum ich an etwas festhielt, was ich schon lange verloren hatte.

Meine Brüder brachten mir Lesen und Schreiben bei, darüber war ich sehr glücklich. Von meinen Eltern habe ich eine schlimme Strafe dafür bekommen. Ich war daran gewöhnt, weil das bei uns für alle normal war. Solche Gefühle wie Sichersein oder sich mit den Eltern wohl zu fühlen kannte ich nicht, obwohl ich das – wie jedes Kind – brauchte. Ich fühlte mich einsam. Mein bester Freund war mein Tagebuch, darein konnte ich alles schreiben: Schönes, aber auch Trauriges.

Leider passierten in meinem Dorf sehr ungerechte Sachen, z.B. Zwangsheiraten. Auch ich gehörte zur Gruppe der Betroffenen und musste mit sechzehn heiraten. Mein Vater hat mich an jemanden verkauft, den ich nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Ich wusste nicht einmal, wie alt er ist.

Meine ganze Familie findet meinen Ehemann toll. Ich aber bin wie verloren, hilflos. Ich konnte nichts machen. Mit 17 bin ich nach Deutschland gekommen. Ich wünschte mir, dass das ein Alptraum wäre. Ich musste meinen zukünftigen Ehemann kennen lernen. Das war ein unbeschreiblich schlechtes Gefühl. So wie Unsicherheit, Übelkeit, Angst. Ganz am Anfang sagte er mir, dass er mich nicht mag. Aber ich selbst mochte ihn auch nicht. Aus so etwas wird nie Liebe.

Als Neue in einem anderen Land fühlt man sich unsicher und von ziemlich vielen Dingen überrascht. Ich sah mich in einer anderen Welt. Menschen können dort selbst entscheiden, was sie machen oder lernen und wen sie heiraten wollen oder mit wem sie zusammen sind. Und das macht mich glücklich, das zu sehen. Es ist schön, dass vom Gesetz her alle gleich sind.

Die Sprache konnte ich nicht, das war schwierig für mich. Ich hatte weder Freunde noch Verwandte außer meinem zukünftigen Mann. Er war aber kaum zuhause. Gleich zu Anfang sagte er, dass er eine Andere hat; das hat mich nicht traurig gemacht, weil auch ich ihn nicht lieben konnte. Es war sehr schmerzlich und verletzend, als er mich angefasst hat, denn ich war immer unterdrückt worden.

Es gibt viele Frauen in Deutschland, die was machen wollen, lernen oder arbeiten. Aber sie werden unterdrückt, von ihren Männern oder ihren Familien; und aus Angst können sie nichts machen. Zum Glück durfte ich einen Deutschkurs machen. Dort habe ich ein paar Freunde gefunden, die aus unterschiedlichen Ländern gekommen sind. Manche von denen haben auch schlechte Dinge erlebt, durch Krieg oder eine Regierung oder sie durften ebenfalls nicht zur Schule gehen. Ich konnte zwar nicht viel verstehen, aber immer konnte ich das Problem verstehen.

Aber mit meinem Mann und mir wurde es nicht besser. Er hat eine andere Freundin und zwischen uns war es schlecht, weil ich nicht wollte, dass er mich anfasst.

Sieben Jahre sind vergangen. Inzwischen habe ich zwei Kinder, die ich von ganzem Herzen liebe. Sie können nichts dafür, was in meinem Leben passiert ist. Aber die Familie meines Mannes ist nach Deutschland gekommen. Sie wollen, dass ich eine gute Frau für den Haushalt bin, und nicht für Schule und Arbeit. Ich kenne viele Frauen, die mitten in Deutschland unterdrückt werden, Kinder bekommen, nicht arbeiten und auch nicht zur Schule gehen.

Muss ich erneut zu dieser Gruppe gehören? Nein. Das darf sich nicht wiederholen! Andere Frauen müssen sich das auch nicht gefallen lassen, denn in Deutschland gibt es Menschenrechte. Ich lebe zwar nicht mit jemandem zusammen, den ich liebe, aber ich habe süße Kinder und kenne viele sehr nette Menschen, die mich verstehen. Im Moment gehe ich in eine deutsche Schule, wo ich meinen Schulabschluss machen werde, danach mache ich eine Ausbildung als Arzthelferin. Von dieser Welt träume ich schon lange.

Viele Flüchtlinge lassen einen Alptraum hinter sich und wollen in Frieden und Sicherheit leben. Auf dem Weg sterben oder ertrinken viele. Das finde ich ganz traurig. Jeder hat einen Traum und jeder will etwas aus seinem Leben machen, denn jeder ist Teil dieser Welt.

Doch hat jeder die Möglichkeit?

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.