Mit ein paar Klicks zum Traumpartner

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In Afrika ist Online-Dating verpönt

Es ist Mitte der Woche und ich sitze wieder einmal mit einem Fremden in einem Restaurant. Mein Kandidat ist pünktlich, „typisch deutsch“. Ich entschuldige mich dafür, dass ich zu spät gekommen bin. Ich sitze da und frage mich, wie es enden wird oder wo ich in fünf Stunden mit dem Kandidaten von heute Abend sein werde? 

Es scheint so einfach 

Dieser Kandidat ist einer der vielen, die ich auf Online-Dating-Plattformen kennengelernt habe. Seitdem ich nach München gezogen bin, finde ich, dass Partnersuche mit den traditionellen Methoden schwierig ist. Aber heutzutage ist es einfach: Alles, was du tun musst, ist, dein schönstes Bild zu wählen, eine ansprechende Biografie zu schreiben und bevor du es weißt, wird dein Posteingang bombardiert mit potenziellen Partnern, die zu deinen Vorlieben passen. Sagen wir, du bist eine Frau, die einen 45-jährigen Mann sucht, der 1,80 Meter groß ist, blond ist, der im Kreis München wohnt und keinen Fußball mag. Vor dem Online-Dating wäre dies eine erfolglose Suche gewesen, aber jetzt, egal wo du bist, bist du nur ein paar Klicks davon entfernt, eine Nachricht an deinen ganz speziellen Traummann zu senden. 

So klingt es einfach, aber Online-Dating kann ganz schön verwirrend sein. Erstens, wie kannst du wissen wer die Person ist, bevor du sie triffst? Was wäre, wenn sie ein heimliches Tattoo hat, das dich nervt? Was wäre, wenn sie einfach nur Spaß haben will und nicht eine feste Partnerschaft? 

Der mutige erste Schritt 

Als neue Münchnerin war ich auf der Suche nach einem Partner. Obwohl ich einige aufregende Münchner Restaurants, Kneipen und Partys besucht habe, waren meine Bemühungen erfolglos. Ich war mir aber sicher, dass ich eine relativ attraktive Frau bin, die die Männer nicht erschrecken konnte. Als ich meinen Freunden erzählt habe, dass ich kaum einen Partner finden kann, sagten sie, dass Frauen in Europa oft den mutigen ersten Schritt machen, auf einen Mann zuzugehen.

Eine Kultur, die meiner afrikanischen Kultur sehr widerspricht. Meine Freunde betonten besonders, dass ich mich bei Online-Dating-Seiten anmelden sollte, wo ich sehr leicht jemanden finden würde. 

Illustration: Antje Krüger

Aber aufgrund der negativen Wahrnehmung von Online-Dating in den meisten Teilen Afrikas, dachte ich, dass es hier genauso der Fall wäre. Deswegen habe ich gezögert, mich zu registrieren. Aber nachdem meine Freunde mich überzeugt hatten, habe ich mich nicht nur auf einer, sondern mehreren Websites registriert. 

Seltsame Begegnungen 

Es war fast so, als ob ich mich für einen Marathon angemeldet hätte. Überraschenderweise war am selben Tag mein Postfach fast voll. Danach habe ich mich mit mehreren Typen getroffen. Einer von denen hat mich sogar in seine Wohnung eingeladen. Er hatte Schwerter an der Wand und beschloss, eines aus Spaß an meinen Hals zu halten. Das war ein gruseliger Moment, der mich an einige brutale Szenen in Uganda erinnerte. Danach entschied ich mich, ihn nicht mehr zu treffen. Der nächste Kandidat kam bekleidet wie ein Rockstar mit wahnsinnig vielen Ohrringen. Als ich ihn aus der Ferne erkannte, schickte ich ihm sofort einen Text mit dem Hinweis, dass ich es nicht schaffen würde. Leider sah er auf seinen Online-Bildern anders aus. Hätte meine 85-jährige Großmutter ihn gesehen, hätte sie mich vor ihm gewarnt. Partnersuche in Uganda Ich beschloss dann, alle meine Accounts zu löschen, auf traditionelle Partnersuche zu gehen und darauf zu warten, dass jemand den ersten Schritt von Angesicht zu Angesicht macht.

Während Dating-Webseiten und Apps hier sehr bekannt sind, bestehen in den meisten Ländern Afrikas viele Eltern immer noch auf einer einfachen Partnersuche für ihre Kinder. Das ist nicht immer einfach: Als zum Beispiel einer meiner Verwandten in Uganda seinen Eltern sagte, dass er bereit sei zu heiraten, arrangierte mein Großvater ein Treffen mit vier Frauen aus der Nachbarschaft. Leider sagte mein Verwandter dann, dass die erste Frau nicht hübsch sei, die zweite größer als er sei, dass die dritte zu klein sei und die vierte zu große Augäpfel hätte. Mein Großvater war enttäuscht und sagte, er solle seine eigene Frau suchen. Später traf er jemanden bei seinem Arbeitsplatz und einige Wochen später waren sie ein Ehepaar. Leider dauerte ihre Ehe nicht lange, denn die Frau war mehr Party- Freak als er.

Was die Afrikaner denken Online-Dating ist aus Sicht der Afrikaner eine Plattform für Frauen, die es nicht geschafft haben, einen Mann zu bekommen. Außerdem denken sie, dass Frauen online Männer in Europa suchen. Und dass Online-Dating für diejenigen etwas ist, die jemanden kennenlernen wollen, der Spaß sucht. Auf jeden Fall kann Online-Dating genauso gefährlich sein wie ein normales Date, bei dem man einen zweifelhaften Typ in einer Bar kennenlernt und mit nach Hause nimmt. Und genauso kann man online erfolgreich Liebe finden, anstatt nur irgendwelche Jungs in einer Bar abzuschleppen. Also, wenn man immer noch findet, dass Online-Dating gruselig, peinlich, nicht afrikanisch oder gottlos ist – trotzdem nutzt die Hälfte der Münchner Singles die Online-Dating-Seiten, um Liebe zu finden, und es scheint kein Zurück mehr zu geben.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.