Meine ersten fünf Jahre – die einfachste Lebenszeit

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Im Sommer 1998 bin ich in einem kleinen Dorf neben Kabul in Afghanistan geboren. Meine Familie lebte seit ewiger Zeit in diesem Ort. Wir gehörten zum Mittelstand. Mein Vater hatte genügend Land und Tiere und hat sein Leben immer unabhängig und fröhlich geführt.

Bis die Taliban kamen. Nachdem mein Onkel von den Taliban getötet worden ist, hat mein Vater sich entschieden von dort wegzugehen. Viele Menschen sind aus diesem Dorf in den Iran oder nach Pakistan geflüchtet, denn die Taliban waren eine ernsthafte Bedrohung für sie.

Sie haben keine andere Wahl gehabt, entweder bleiben und sterben oder alles zu einem günstigen Preis verkaufen und weggehen. Bevor es zu spät war, hatte mein Vater alles verkauft und ist nach Pakistan gegangen. Da bin ich ein Jahr alt gewesen.

Übrigens war es kein Zufall, dass wir nach Pakistan gegangen sind. Mein Vater hatte dort viele Bekanntschaften und es gab auch viele aus unserem Dorf und Verwandten, die ein, zwei Jahre früher dorthin geflüchtet waren.

Wir sind nach Quetta gekommen. Quetta liegt im südöstlichen Pakistan und ist die Hauptstadt von der Provinz Baluchistan. Es gibt verschiedene Völker, die dort leben.

Ungefähr ein Viertel dieser Stadt besteht aus Hazaras, die afghanische Flüchtlinge sind. Es gibt Hazaras die, seit dem 18. Jh. in Quetta leben. Sie sind vor der rassistischen Politik von Abdulrahman, dem damaligen König von Afghanistan, nach Pakistan geflüchtet, und haben sich dort einbürgern lassen. Und es gibt auch Hazaras, die vor den Taliban weggelaufen sind. Diese haben keine pakistanischen Dokumente.

Mit Hilfe der Verwandten, konnten wir uns ein Haus mieten. Meine Tante, deren Mann in Kabul getötet worden war, war auch mit ihren vier Kindern mit uns zusammen. Aber sie ist später in den Iran gegangen.

Wir waren zu viert, mein Vater, meine Mutter, meine ältere Schwester und ich. Meine Schwester konnte in einer Schule studieren. Wir hatten keine Dokumente, aber mit vielen Bestechungsgeldern war das trotzdem möglich.

Mein Vater hat sich täglich neue Arbeit gesucht, weil er keinen bestimmten Beruf hatte. In Afghanistan hat er immer auf seinem eignen Land als Bauer gearbeitet. Es war nicht einfach. Manchmal fand er gar nichts und kam wütend nach Hause zurück.

Die Mutter war Hausfrau, außer kochen und zu Hause putzen hat sie auch meistens für andere Familien als Putzfrau oder Köchin gearbeitet. Dabei war sie sehr sozial. Fast alle haben meine Mutter dort gekannt.

Ich habe die ersten fünf Jahre von meinem Leben mit diesen Erlebnissen verbracht. Den ganzen Tag spielte ich auf der Straße oder zu Hause auf dem Dach mit Drachen.

Manchmal, wenn mein Vater gut gelaunt war, durfte ich mit ihm in die Berge zur Jagd gehen. Aber manchmal war er wütend oder traurig über sein Leben in Pakistan.

Wir haben keine digitalen Geräte zu Hause gehabt, außer einem Radio.

Das Leben war ganz klassisch. Und es war meine einfachste Lebenszeit, die ich unbesorgt erlebt habe.

Die einzige bis jetzt.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.