Mein Weg zur Selbstverwirklichung in Deutschland

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Momentan beschäftige ich mich mit den Fragen: Wer war ich eigentlich? Wer bin ich jetzt? Und vor allem: Wer ist aus mir geworden, seitdem ich nach Deutschland gekommen bin. Viele beschäftigen sich wohl mit dieser Frage. Ein Beispiel: Eine mongolische Frau, die ich ganz gut kenne, hat entschieden, den Jakobsweg zu gehen — bis ans Ende der Welt, um ihre Grenzen zu erkennen. Sie hat den Weg geschafft und neue Einstellungen in ihrem Leben gewonnen und das Wichtigste neu erfunden. 

Ich möchte auch gerne den Jakobsweg gehen, um herauszufinden, wer ich bin, was meine Einstellungen sind, was für mich im Leben wichtig ist. Soll ich weiter so arbeiten? Wie soll ich mit meinem Kind umgehen? Wie soll meine Beziehung mit meinem Mann sein? Etc. Es gibt viele offene Fragen, wie ich mein Leben in Deutschland weiterführe. Eine gute Lösung, die Antwort auf diese Fragen zu finden, ist es vielleicht, den Jakobsweg zu gehen. Aber ich kann es einfach nicht, weil ich für mein Kind da sein muss und will.

Endlose Fragen

Gibt es andere Optionen, herauszufinden, was für ein Ziel ich im meinen Leben habe oder haben will? Hatte ich diese Gedanken überhaupt, als ich noch in meiner Heimat gelebt habe? Ich weiß es nicht. Ich denke, ich hatte niemals so tiefe Gedanken wie jetzt!

Was ist der Sinn meines Lebens, was soll ich als Ehefrau machen oder was für eine Ehefrau möchte ich gerne sein, was für eine Mama möchte ich gerne sein, was für eine Kollegin möchte ich gerne sein, soll ich die Kinder in der Mongolei weiter unterstützen, mit wem möchte ich zusammen arbeiten etc. Endlose Fragen kommen und beschäftigen mich. Warum?

Stufen und Ebenen

Weil ich mich in Deutschland selbstverwirkliche, denke ich. Meine Grundbedürfnisse sind schon erledigt, ich suche ein neues Ich. Seitdem ich in Deutschland lebe, bin ich bis zur dieser höheren Ebene — zur persönlichen Entwicklung — ein paar Stufen hochgelaufen. Mal zurück, mal vorwärts, mal mit Verzögerung, mal mit Verzweiflung und mal im Autopilot-Modus. Aber es hat sich gelohnt. Meine persönliche Entwicklung, in anderen Worten: meine Veränderung bis zur Selbstverwirklichung, hat auf vielen verschiedenen Ebenen stattgefunden:

Als erstes habe ich mir die tagtäglichen Dinge in Deutschland beigebracht. Diese waren:

Pünktlichkeit: Ich habe gelernt, dass es keine Erklärung für das Zuspätkommen gibt, man muss einfach pünktlich sein, und pünktlich zum Deutschkurs kommen, und pünktlich das Kind von der Kita abholen, und pünktlich das Kind in die Schule bringen. Keine Diskussion, ich muss pünktlich sein, punkt!

Kindererziehung: Es ist Elternsache! Die Großeltern, Tanten und Freunde erziehen dein Kind nicht. Du bist der Verantwortliche, punkt. Es gibt keine Beschwerde.

Wochenende: Es ist Familiensache. Am Wochenende sollte man mit der Familie etwas unternehmen. Das Wochenende ist gleichbedeutend mit Familienzeit.

Arbeitskollegen: Sie sind nicht wichtig. Das Wichtigste ist, dass du mit den Arbeitskollegen nur für bestimmte Stunden zusammen bist. Es gibt keine tiefgehende Fragen und Antworten, punkt.

Nachbarschaft: Es gibt bestimmte Grenzen zwischen unterschiedlichen Nachbarfamilien. Manche haben sehr dicke Grenzen. Zum Glück gibt es Nachbarfamilien wie uns, die sich für andere Familien interessieren, und sie stellen Fragen über Arbeit, über die Kinder, und über das Wetter, und manchmal über den Sinn des Lebens.

 

Wissbegier und Engagement

Danach war ich in vielerlei Hinsicht aktiv: mit den Schwerpunkten Integration und persönliche Entwicklung in München, in Deutschland, und in ganz vielen europäischen Ländern.

Zum Beispiel habe ich  — allein oder mit meinem Kind  — an unterschiedlichen Veranstaltungen, Konferenzen, Fachtagungen teilgenommen und auch selbst Workshops und Trainings mitgestaltet und bin mit dem Auto, mit der Bahn und mit dem Flugzeug gereist. Indem ich an diesen Veranstaltungen teilnahm und mitmachte, habe ich es geschafft, mich gut zu orientieren: Wie das Leben von Menschen mit Migrationshintergrund in München, in Deutschland, und in Europa überhaupt funktioniert oder läuft.

Danach habe ich sehr viele Bücher gelesen, wie man sich persönlich und beruflich entwickelt und was das interkulturelle Zusammenleben ist. Es gibt online viele Quellen und Ressourcen über Coaching und Selbstcoaching. Es gibt inspirierende TED talks. Danach war ich Teil einer kleinen Gruppe, wo wir nur über uns sprachen und uns über unsere Erfahrungen und Fortschritte in der persönlichen Entwicklung austauschten.

Energie für andere Migranten

Derzeit habe ich ein klareres Bild meiner Existenz bzw. wer ich bin und was der Sinn meines Lebens ist. Ich habe viel mehr Energie für mein Leben und ich habe viel mehr Zeit für mein Kind und für meine Mama. Viel mehr Geduld und Verständnis für meine Kunden. Ich habe viel mehr Hoffnung, dass wir als Migranten unsere Gesellschaft mitgestalten können. Mit dieser Hoffnung beteilige ich mich jeden Tag aktiv am Empowerment der Migranten und Flüchtlinge. Ich möchte Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichten sehr gerne empowern und stärken.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.