Mein Großvater

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Seit einem halben Jahr leben mein Mann und ich in Deutschland. Wir sind beide Betriebswirtschaftler, in Ungarn leben unsere Familie und unsere Freunde. Ich habe in Budapest auch schon im Krankenhaus in der Verwaltung als Betriebswirtschaftlerin gearbeitet und habe immer wieder festgestellt: Mir fehlt es an Selbstbewusstsein in beruflichen Dingen. Immer wieder habe ich mich gefragt, woher das kommt. Dann habe ich herausgefunden, dass das eine familiäre Angelegenheit ist. Schon früher habe ich über diese Themen nachgedacht. Aber erst jetzt, seit ich in Deutschland lebe und Abstand zu Ungarn habe und, da mein Großvater gestorben ist, musste ich viel nachdenken und habe eine genauere Struktur gefunden. Seltsamerweise kann ich die Dinge jetzt schärfer sehen und erkennen.

Als mein Großvater im September 2018 gestorben ist, war ich gleichzeitig traurig und erleichtert. Denn er war ein schwieriger Mensch. Er war immer stolz, Feuerwehrmann gewesen zu sein. Noch in seinen letzten Lebensjahren erzählte er, wie er bei der großen Überschwemmung 1954 in Györ als Feuerwehrmann im Einsatz war. Außerdem spielte er gerne Volleyball, was auch ich gerne tue. Das ist eine nette Verbindung zu ihm. Mein Opa erlebte den Kommunismus und war selbst überzeugter Kommunist sowie Parteimitglied. Deswegen hatten meine Mutter und mein Onkel als Erwachsene viel Streit mit ihm. In seinem Beruf als Feuerwehrmann war er sehr erfolgreich, verdiente aber wenig. Das Problem war: Er ging schon mit 55 in Rente, weil diese Arbeit so anstrengend war. Er war damit aber nicht zufrieden: Er hatte zu viel Zeit und zu wenig Geld. Deswegen arbeitete er nach seiner Pensionierung als Nachtwächter in einer holzverarbeitenden Fabrik. Er lief Patrouille um das Gelände dieser Fabrik. Außerdem hat mein Opa Pflanzen gezüchtet und auch Häuser renoviert.

Während er in Rente war, begann eine schwierige Zeit. Mit dem Sohn meines Opas, dem Bruder meiner Mutter, gab es vieleProbleme. Warum? Mein Onkel hat im Ausland gearbeitet. Dort hat er nicht nur gute Dinge gelernt. Dort war das Leben hart und man musste manchmal betrügen, um überleben zu können. Dadurch lernte mein Onkel „Ellenbogentechnik“ und auf seinen Vorteil bedacht zu sein. Als mein Onkel nach Ungarn zurückgekehrt war, hatte er die Idee, mein Opa solle seine Wohnung in Vac – eine alte Stadt in der Nähe von Budapest – verkaufen und stattdessen ein neues Haus in einem kleinen Dorf – weiter weg von Budapest – kaufen. Meine Eltern waren dagegen.

Foto: Ildikó Plank, Ungarn

Denn Vac und Budapest sind nur 30 Kilometer voneinander entfernt und mit der Bahn gut miteinander verbunden. Vac hat viele Läden, ein eigenes Krankenhaus, viele Schulen und sogar eine Universität. In diesem anderen Dorf, 60 Kilometer von Budapest entfernt, gibt es dagegen nichts. Aber mein Onkel hat sich durchgesetzt. Das war kritisch, denn diese Wohnung gehörte eigentlich meiner Mutter und meinem Onkel zusammen. Zuletzt hat mein Onkel unter nicht geklärten Umständen die Wohnung verkauft und das ganze Geld für sich behalten, während meine Großeltern in diesem Haus auf dem Dorf, das mein Onkel gekauft hatte, leben mussten. Die Verbindung meines Großvaters zu seinem Sohn wurde immer schwieriger. Es kam zu Streitigkeiten und verbalen Auseinandersetzungen. Nachdem meine Großmutter verstorben war, verließ mein Großvater das Haus seines Sohnes und zog zur Miete in ein Nachbardorf. Er war zu dieser Zeit 70 Jahre alt und hatte fast alles verloren, was er in seinem Leben erarbeitet hatte.

Vielleicht war das einer der Gründe, warum mein Opa so bitter und stur war als alter Mann. Zum Beispiel aß mein Opa gerne Fischsuppe. Wir wollten ihm eine Freude machen und ihm ein neues Lokal zeigen, wo man gut Fischsuppe essen konnte. Er weigerte sich aber und sagte: „Ich will lieber sterben, als ein neues Lokal ausprobieren.“ Ebenso erzählte er uns lange nicht von einer Wunde an der Wade und wollte auch lieber sterben, als ins Krankenhaus zu gehen. Ich bin sehr stolz auf meine Mutter, weil sie trotz alledem mir und ihrer Familie immer viel Liebe und Hilfe gegeben hat, obwohl sie aus so einer schwierigen Familie  kommt und meine Eltern auch geschieden sind. Trotzdem habe ich meinen Großvater geliebt, denn ich habe in seinen letzten Jahren seine Sehnsucht nach Schönheit und Liebe gesehen. Er liebte beispielsweise seine kleinen Pflanzen, er liebte es, zu sehen, wie sie von kleinen Samen zu großen Pflanzen mit prächtigen Blüten heranwuchsen: Es war sein Hobby, Blumen zu züchten. Damit hatte er großen Erfolg. Manchmal hat er mir sogar welche geschenkt. Und er mochte auch sehr sein Kätzchen. In Ungarn sagen wir: „Wer Blumen und Tiere mag, kann kein schlechter Mensch sein.“ In solch einem Gefühl gibt es immer noch Liebe.

Ich werde mich daran erinnern, aber ich werde gleichzeitig die tragische Natur seines Lebens nicht vergessen. Wenn ich an ihn denke, fühle ich gleichzeitig Liebe und Schmerz. In meinen Augen ist sein tragisches Leben jedoch nicht ohne Sinn: Er bleibt ein wichtiger Lehrer für mich. Was auch immer gewesen ist, ich bin ihm dankbar: Ich lerne durch sein Beispiel, was man tun und was man lassen sollte. Und, dass es Grenzen im Leben gibt, die man nicht überschreiten darf.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.