Magic is here

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Ich komme aus Uganda und lebe seit 2014 in München. Als ich hier ankam, knallte ich gleich nach meiner Ankunft gegen eine Glastür und verletzte mich schwer an meiner Lippe und brach mir die Schneidezähne ab. Mein erster Gedanke war: ich bin jetzt 28 Jahre, hatte in Uganda nie Probleme und jetzt komme ich nach München und verliere für immer meine Zähne. Wie kann das sein? Meine Freundin sagte, kein Problem, wir gehen zum Arzt. Das konnte ich mir nicht vorstellen.

In Uganda ist es normal, Menschen zu sehen ohne Zähne. Nur in der Stadt kann man für viel Geld zum Zahnarzt gehen. Aber für die allermeisten ist das nicht möglich. In Uganda gibt es keine Krankenversicherung. Entweder man zahlt selber, oder man lebt ohne Zähne oder man betet zu Gott für neue Zähne (was schwierig wird!). Alte Leute haben selten Zähne. Das ist normal in Uganda. Das Schlimmste aber sind schwere Verletzungen oder schlimme Krankheiten, die unversorgt bleiben. In Uganda gibt es zum Beispiel viele schreckliche Verkehrsunfälle, weil viele junge Leute ohne Führerschein und manchmal unter Drogen Auto oder Boda Boda (Taxi-Motorrad) fahren. Entweder sterben die Opfer auf der Straße oder sie haben Glück und werden mit einem Boda Boda oder mit einem „Special Hire“ (Autotaxi) ins Krankenhaus gebracht. Aber die meisten werden dort nicht versorgt, weil sie kein Geld haben. Einen Notarztwagen bekommt man sehr selten und auch nur, wenn man das Benzin vorher zahlt und dann die Fahrer nochmal extra mit Geld oder Tee.

Als ich ein Kind war, habe ich viele Menschen sterben sehen, auch meine Eltern. Wir waren arm, und es war für mich normal, dass wir keine medizinische Hilfe bekommen. Mit acht Jahren war ich Vollwaise und lebte auf der Straße, ganz auf mich alleine gestellt. Mit etwa zehn Jahren kam mir zum ersten Mal der Gedanke, was passieren würde, wenn ich krank werden würde. Dieser Gedanke war so schrecklich, und er kam jeden Tag. Zum Glück war ich nie krank oder ernsthaft verletzt. Aber trotzdem war die Angst immer da. Mit 22 bekam ich Malaria. Damals arbeitete ich für einen Schweden auf einem Campingplatz. Ich hatte Glück: mein Chef half mir, gab mir zu trinken und starke Medikamente und blieb bei mir, bis es mir besser ging.

Menschen in Uganda haben alle Angst vor Krankheit oder vor einem Unfall. Das Einzige, was sie tun können, ist selber vorzusorgen und ein bisschen übriges Geld in eine Ziege, eine Kuh, ein Auto oder Motorrad oder in ein extra Grundstück zu investieren. Das könnte man dann verkaufen, wenn man das Geld für eine medizinische Versorgung braucht. Ich hatte selber aus diesem Grund ein kleines Grundstück, ein paar Fahrräder und ein Motorrad – meine „ugandische Krankenversicherung“. Aber es war auch immer der Gedanke da: was kann ich verkaufen, wenn ich krank bin? Und was ist, wenn das Motorrad dann kaputt ist? Es ist ja auch sehr schwierig, etwas zu verkaufen, wenn man selber krank oder schwer verletzt ist.

Zurück zu meinem Unfall gleich bei meiner Ankunft in München: Mit meinen Erfahrungen aus Uganda war ich sehr traurig, weil ich dachte, meine Zähne sind für immer weg. Nach vier Tagen hatte ich einen Termin bei einer Zahnärztin. Ich hatte ein schreckliches Gefühl, weil ich dachte, meine Freundin muss furchtbar viel Geld für meine Zähne zahlen und ich bin jetzt ein schlimmes Problem für die Familie meiner Freundin. Sie erklärte mir, dass ich ja krankenversichert sei und diese Versicherung für mich zahlen würde. Dann kam der magische Moment: Ich saß wie eine ugandischer Präsident oder ein großer Politiker in Uganda auf einem höhenverstellbaren Sessel, alles war schick und weiß und sauber, zwei Frauen beugten sich über mich, 40 Minuten lang hörte ich die Geräusche der Werkzeuge, Absauger, Luft, Bohrer, und dann gab mir die nette Zahnärztin einen Spiegel: Die Zähne waren wie vorher. Magisch! Ein Wunder! Aber hier war es Realität. Die Zahnärztin lachte, ich ging nach Hause, und da war keine Polizei. In Uganda hätte das Krankenhaus längst die Polizei gerufen, damit sie ihr Geld bekommen.

Von diesem Tag an habe ich es als das allertollste in Deutschland angesehen, dass es hier eine Krankenversicherung gibt. Meine schreckliche Kinderangst, krank zu werden, ist jetzt weg, und wenn es etwas gibt, das ich mir für mein Land Uganda wünschen könnte, dann wäre es eine Krankenversicherung – das wäre wie ein Gott für alle. Jetzt beten dort alle und nichts passiert. Aber mit kostenloser, medizinischer Versorgung wäre wirklich alles besser für Alle.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.