Integration ist keine Einbahnstraße

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Ob Sprache, Bürokratie oder Mentalität der Deutschen, Neuland-Autor Adnan Albash hat viel gelernt und macht sich Gedanken, wie das Miteinander von Neuankömmlingen und Alteingesessenen noch besser gelingen kann.

Ich habe gelernt, dass ich in Deutschland viel warten und mich an die Bürokratie hier gewöhnen muss, obwohl das manchmal für die Deutschen selbst schwierig ist. Das Fahrradfahren habe ich auch erst in Deutschland gelernt und auf den Straßen von München bin ich oft runtergefallen, aber ich bin wieder aufgestanden und habe es wieder und wieder versucht, bis ich sehr gut fahren konnte. Jetzt müssen meine Freunde nicht mehr lange auf mich warten, wenn wir zu irgendeinem See in der Umgebung von München radeln.

Um mein Studium in Deutschland fortsetzen zu können, musste ich ganz lange und hart Deutsch lernen. Ich musste Deutsch lernen, bis ich bemerkt habe, dass auch viele deutsche Muttersprachler Fehler machen, zum Beispiel, wenn es darum geht, wann man „vor Angst“ und wann man „aus Angst“ sagt. Die Deutschen wissen schneller, dass sie den folgenden Satz mit „vor“ und nicht mit „aus“ sagen sollen, zum Beispiel: „vor Angst zittern meine Knie“ und nicht „aus Angst“.

Zum Glück gibt es dafür Regeln, die man lernen und benutzen kann. Aber manchmal helfen beim Deutschlernen auch die Regeln nicht und dann sagt mir meine Lehrerin immer: „Adnan, du kannst hier nur wissen, was du schreiben sollst, wenn du das deutsche Gefühl hast“. Das kann ich aber nicht innerhalb von zwei Jahren haben.

Ein Beispiel: Ich habe gelernt, dass man „zu“ bei einer Negation, die aus zwei Verben besteht, verwendet. Eins der Verben ist zum Beispiel „brauchen“. Wir lernen also in der Schule diesen Satz: „Du brauchst nichts zu sagen“ und dann bin ich motiviert und möchte deutsche Lieder hören, um mein Deutsch zu verbessern. Plötzlich höre ich die Sängerin Namika in ihrem Lied „Lieblingsmensch“ singen: „Du brauchst nichts sagen“. Diesen Fehler machen die Deutschen leider oft. Also, die Sprache war das Schwierigste, was ich erlernen musste.

Zur Integration gehören beide Seiten

Ich habe auch versucht, meiner Zukunft einen Schritt näher zu kommen. Dafür arbeite ich seit mehr als 20 Monaten in einem medizinischen Labor in München und besuchte einen medizinischen Deutschkurs, um die medizinischen Fachbereiche kennenzulernen. Ich habe einfach alles getan, um mich hier einzuleben und mich auf das Studium vorzubereiten. Ich habe neben den Deutschen als Ehrenamtlicher bei verschiedenen Organisationen gearbeitet, um den Menschen die Hilfe zurückzugeben und um die soziale Gesellschaft, die mir sehr geholfen hat, unterstützen zu können. Erst mit der Zeit habe ich verstanden, dass die Deutschen sehr hart arbeiten, um nach oben zu kommen. Und das machen sie auch in der Freizeit, z. B. strengen sie sich beim Klettern an, um dann ganz oben den schönen Ausblick zu genießen.

Integration ist allerdings keine „Einbahnstraße“, d. h. beide Seiten müssen neugierig aufeinander zugehen, sich füreinander interessieren und vor allem respektieren. Zur Integration gehören beide Seiten, und sie ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. Beide Seiten müssen wollen, sonst wird nichts passieren, sie braucht eine öffentliche Diskussion, wie wir hier eigentlich zusammen leben sollen und wollen. Ich glaube, wir haben das geschafft — aber es ist für manche Menschen auf beiden Seiten, Immigranten und Einwohner, nicht so einfach, offen und vorurteilsfrei aufeinander zuzugehen und miteinander umzugehen. Veränderung ist immer schwierig, aber sie gehört zum Leben und macht vielen Menschen Angst. Das gilt für die Deutschen, die Angst vor „bösen Fremden“ haben, genauso wie für muslimische Einwanderer, die zum Beispiel Angst um die Moral ihrer Töchter haben.

Potentiale und Begegnung auf Augenhöhe

Was auch Schwierigkeiten bei der Integration macht, ist, dass manche Helfer Geflüchtete wie Kinder, Hilfsbedürftige oder Opfer behandeln. Ja, die Personen, die kommen, haben oft Schlimmes erlebt und mussten ihre Heimat verlassen und es ist gut, zu helfen und Hilfe anzubieten. Allerdings darf bei der ganzen Hilfsbereitschaft nicht vergessen werden, dass die (erwachsenen) Menschen, die kommen, ein ganzes Leben hinter sich haben. Sie sind in der Lage, ihr eigenes Leben zu führen und sie haben auch einen weiten Weg zurückgelegt, um hierher zu kommen. Die (ehrenamtlichen) Helfer können ihnen das Leben hier erleichtern, sie sollten es ihnen aber nicht abnehmen und auch nicht ihre Selbständigkeit nehmen. Und sie sollten lernen, den Neuankommenden auf Augenhöhe zu begegnen. Das bedeutet auch, nicht von „meinem“ oder „unserem“ Flüchtling zu reden oder immer zu denken: „die Armen!“. Es kommen eigenständige Personen mit Stärken und Schwächen, von denen die Helfer auch viel lernen können, da sie sicher andere Dinge vom Leben gelernt, andere Erfahrungen gemacht haben.

Außerdem bringen sie auch viel Potenzial mit. Anstatt immer zu fragen, was man selbst für die Flüchtlinge tun kann, sollte man sie fragen, was sie denn tun könnten — was ihre Stärken sind und ihnen somit die Möglichkeit geben, sich einzubringen. Auch was die deutsche Kultur betrifft, sollten die Helfer sich für Neues öffnen und nicht immer nur versuchen, „deutsche Werte“ zu vermitteln. Viele Helfer behandeln Geflüchtete wie Kinder, Hilfsbedürftige oder Opfer.

Wir sind hier in einem ganz neuen, fremden Land, wo alles schwierig ist und Zeit braucht, wir werden natürlich viele Fehler machen und die Regeln manchmal überschreiten. Wir werden jedoch von unseren Fehlern lernen und uns ständig verändern, verbessern und uns anpassen. Die Gedanken vieler von uns sind noch in der Heimat, wo die Familie geblieben ist, wo Verwandte und Freunde jeden Tag umgebracht, ausgehungert und gequält werden. Wir haben viel verloren, die Hoffnung aber noch nicht, die Hoffnung auf ein besseres Leben, in dem nicht alles nach Blut riecht. Wenn ich irgendeinen Fehler mache, dann hat Adnan ihn getan und nicht alle Syrer und alle Flüchtlinge, und wenn ich Gutes mache, dann haben wir das alle getan. Es ist nicht zu vergessen, dass jedes Land gute und schlechte Leute hat, darin sind wir alle gleich. Wir werden alles schaffen, solange wir zusammen halten, weil wir zusammen stärker sind. Wir werden uns alle irgendwie und irgendwann integrieren, Deutsche werden wir aber nie und das möchten wir auch nicht. Es ist besser, wenn wir eine Mischung sind, und nicht aus einer Bevölkerung stammen.

Es gibt keine Leitkultur

Liebe Politikerinnen und Politiker, nutzen Sie den Begriff der Integration nicht aus, nur um Ihre Ziele zu erreichen. Unter diesem Begriff werden tausende Menschen leiden und eine Gewissenlosigkeit in dieser Angelegenheit verhindert die Entwicklung der Länder und zerstört das Zusammenleben der Menschen. Es gibt nicht so etwas wie eine Leitkultur. Kultur lebt vom Austausch und keine Kultur ist besser als die andere. Manchmal funktioniert die Integration gut, manchmal nicht, aber eine Alternative dazu gibt es nicht, deshalb müssen wir daran hart arbeiten und ich bin sicher, dass wir es irgendwann gut hinbekommen.

Kurz gesagt, die Integration ist die Kunst, eine neue Kultur aufzunehmen, ohne seine eigene Kultur aufzugeben. Integration ist ein Geben und Nehmen, ein Kennenlernen, Akzeptieren, Respektieren und offen sein für eine andere Kultur, für andere Menschen, für andere Lebensformen. Vor allem wichtig ist ein Stück Anpassung und vor allem Toleranz.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.