Integration aus der Sicht eines Syrers: Teil I

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on pinterest

Ich war noch in der Heimat, als ich das Wort „Integration” zum ersten Mal gehört habe. Ebenfalls hörte ich, dass ich mich möglichst schnell integrieren soll im neuen Land, das ich als zweite Heimat ansehen möchte.

Ich sagte mir immer, ich würde das ganz schnell schaffen und auch die deutsche Sprache so weit lernen, dass ich in der Lage wäre, wie ein Wasserfall zu sprechen. Ich dachte, die Flucht wäre der schwierigste Teil der Immigration, bis ich in Deutschland ankäme und mich integrieren sollte.

Damals wusste ich nicht, was ich machen sollte, um diese Hürde zu überwinden, deswegen habe ich versucht, am Beispiel der Tierwanderung herauszufinden, wie schnell sie sich an einem neuen Ort einleben können.

Bei den Tieren ist es ganz einfach: Ein Tier wandert, um einen wärmeren Ort zu finden, um sich sicher zu fühlen oder um bei seiner Herde zu bleiben. Ein Tier muss nicht darüber nachdenken, was es am alten Ort hinterlässt, was es mitnehmen soll, wo es hingehen kann, ob es am neuen Ort von den Ureinwohnern akzeptiert und geliebt wird und ob die Möglichkeit besteht, dass es in seine alte Heimat abgeschoben wird.

Man merkt deutlich, wie einfach die Zuwanderung bei den Tieren ist, obwohl man weiß, dass sie kein höher entwickeltes Gehirn als der Mensch haben und nur an das Essen, die Fortpflanzung und das Überleben denken können. Das gab mir eine große Hoffnung und ich glaubte daran, dass alles klappen würde.

Integration lernt man nicht in der Schule.

In der Medizin lernte ich auch, dass sich Zellen untereinander integrieren können und neue Organe, Zähne und Haare bilden können. Obwohl es manchmal schwierig ist, gibt es die Möglichkeit, etwas Neues in den Körper hinein zu transplantieren, um den ganzen Körper zu retten. Der menschliche Körper hat viele Organe, die unterschiedlich wichtig sind. Er kann nur ganz selten ohne ein bestimmtes Organ überleben, auch wenn dieses Organ nicht so wichtig ist. Das Gehirn ist ganz wichtig, das Herz ist ganz wichtig, die Augen, die Arme, die Zähne, die Nase, die Beine, aber auch die Fingernägel und die Haare sind wichtig.

Aber wie man sich in eine neue Gesellschaft integriert, lernt man nicht in der Schule und entdeckt man nicht in der Medizin oder in der Tierwelt. Bei den Menschen ist die Integration ganz anders und ganz schön schwierig.

Hier hat die Integration nicht nur einen körperlichen oder sachlichen Teil, sondern auch einen seelischen und moralischen Teil. Der Mensch soll die Integration fühlen und nicht nur Dinge tun oder machen lassen.

Pünktlich zu sein, den Müll zu trennen, Alkohol zu trinken oder alles wie die Einheimischen zu machen, steht nicht an erster Stelle, um sich zu integrieren. Die Integration fängt an, wenn man sich für das ihm fremde und neue Land, seine Menschen, seine Sprache, seine Kultur, seine Gesetze interessiert, am besten auch schon, bevor man sich für ein Land entscheidet, in das man zuwandern möchte, sofern man überhaupt die Möglichkeit der Wahl hat.

In die bairische Kultur bin ich schwer verliebt.

Man muss versuchen, Kontakt zur Bevölkerung zu bekommen und nicht in einer Parallelgesellschaft nur unter Landsleuten zu leben. Den Kontakt herzustellen ist nicht für jeden einfach, und da sind auch die Einheimischen angesprochen, die sich um die neuen Mitmenschen bemühen und kümmern müssen. Um mit seinen Mitmenschen Kontakt aufnehmen zu können, ist es natürlich die Grundvoraussetzung, die Sprache zu erlernen – oder es zumindest so gut wie möglich zu versuchen.

Ich habe das alles in den letzten zwei Jahren, die ich in Deutschland gelebt habe, versucht. Als Erstes habe ich die bairische Kultur kennengelernt, in die ich bereits schwer verliebt bin. Seien Sie bitte nicht überrascht, wenn Sie erfahren, dass die weiß-blaue bairische Flagge in meinem Zimmer hängt, gleich neben den Büchern, aus denen ich regelmäßig den bairischen Wortschatz lerne. Auf der anderen Seite habe ich mein Zimmer mit den Maßkrügen dekoriert, die ich aus Versehen von der Wiesn nach Hause mitgeschleppt habe.

Mit einem Augustiner gehe ich an der Isar spazieren und wenn mir jemand einen Gefallen tut, dann sage ich ihm Merci (ausgesprochen: „Measi“) wie ein Münchner.

Meine deutsche Mitbewohnerin, die aus Norddeutschland stammt, sagt mir immer, dass ich mich mehr als sie in die bairische Kultur integriert hätte, obwohl sie länger als ich in München wohne.