Im Namen der Frau

Eine Frau. Mensch, Mutter, Geliebte, Mitgefühl, Adel, Quelle der Generation, heilig. Und viele Dinge, die ich nicht zählen kann.

Eigentlich kommt dieser Artikel zu spät. Diese Artikel hätte früher geschrieben werden sollen. Durch mich oder jemand anderen. Ich sehe fast jeden Tag Morde an Frauen, wenn ich Nachrichten über die Türkei lese.

Die Istanbul Konvention

Ich erinnere mich an die Istanbul Konvention. Sie wurde vom Europarat am 11. Mai 2011 in Istanbul unterzeichnet, um Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt zu bekämpfen. Die Staaten, die die Konvention unterschrieben haben, müssen rechtliche Maßnahmen gegen Gewalt gegenüber Frauen ergreifen und einen besseren Schutz von Frauen vor Gewalt. Darüber hinaus war die Türkei der erste Staat, der den Vertrag unterschrieb. Die türkischen Frauen waren sehr hoff nungsvoll wegen dieser Konvention. Die türkische Regierung hat sich aber zuletzt von der Istanbul Konvention zurückgezogen, was sie zunächst nicht erklärt hat. Die Frauen reagierten sofort und riefen den Slogan: »Lass die Istanbul Konvention am Leben!«.

»Es ist ein Kampf, Frauen gleiche
Rechte, gleichen Wert, gleiche
Würde zu geben.«

Motive für den Rückzug aus der Istanbul Konvention

Eigentlich war die Türkei der erste Staat, der die Istanbul Konvention am 24. November 2011 unterschrieben hat. Der damalige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte den Vertrag verteidigt und gesagt: »Gewalt gegen Frauen ist jetzt eine Verletzung der Menschenrechte«.

Im Februar 2020 hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan angekündigt, dass der Vertrag überarbeitet wird. Im selben Zeitraum behaupteten regierungsnahe Medien, der Vertrag habe die türkische Familienstruktur gestört und Homosexualität gepriesen. Diese Vorwürfe waren schon 2018 laut geworden. Der Europarat erklärte im November 2018, dass extreme Konservative fälschlicherweise behaupten, die Konvention greife in private Lebensstile ein.

Nach einer Studie* gaben 64% der Bevölkerung an, den Rücktritt vom Vertrag abzulehnen. Als die Debatte weiterging, nahmen die Morde an Frauen zu. In vielen Teilen der Türkei gab es eine Kampagne »Istanbul Convention lives« und es gab Massenproteste. Trotz aller Einwände zog sich die Türkei mit der Entscheidung von Präsident Erdogan am 20. März 2021 vom Vertrag zurück.

Frauenrechte in der türkischen Geschichte

Frauenrechte sind ein Produkt des Zeitalters der Aufklärung. Es ist ein Kampf, Frauen gleiche Rechte, gleichen Wert, gleiche Würde zu geben. Trotz des jahrelangen Kampfes sind Frauenrechte immer noch eine soziale Wunde. Frauen die gleichen Rechte, den gleichen Wert und die gleiche Würde wie Männern zu geben erzählt von einem Krieg. Apropos Frauenrechte, machen wir eine kleine Reise in die türkische Geschichte.

Die Frauenbewegung wuchs gegen Ende des Osmanischen Reiches heran. Parallel zu Frankreich, Deutschland und Österreich wurden Schritte in Bezug auf die Rechte der Frauen unternommen. Im Osmanischen Reich begannen türkische Frauen 1843 zum ersten Mal Hebammen in Medizin zu auszubilden.

1847 wurde das Gesetz in Kraft gesetzt, das allen Kindern, Jungen wie Mädchen, das gleiche Erbe ohne Geschlechtertrennung gewährt. Im Jahr 1856 wurde es verboten, dass Frauen als Sklavinnen und Konkubinen im Osmanischen Reich gekauft und verkauft werden. 1869 wurde die gesetzliche Verpflichtung zur Bildung von Mädchen eingeführt.

1871 wurde auch Zwangsheirat ungültig. 1913 begannen Frauen zum ersten Mal als Beamtinnen zu arbeiten. Die Gründung der Neuen Republik Türkei war auch eine Revolution für die Frauen. Mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch fi elen 1926 die Bestimmungen über Polygamie und einseitige Scheidung des Mannes weg. Frauen erhielten das Recht auf Scheidung, Sorgerecht und Geld.

1934 erhielten Frauen in der Türkei das Recht zu wählen und gewählt zu werden.

1990 endete eine Gefangenschaft: das Gesetz, das die Arbeit der Frau mit der Erlaubnis des Mannes verband, wurde aufgehoben.

Ende der 2000er Jahre schienen die Rechte der Frauen reinjuristisch gut zu sein. Aber etwas ging schief. In der Praxis konnte die Frau immer noch nicht den Wert finden, den sie in der Gesellschaft verdient. Die zeremoniellen Morde gingen weiter, Probleme wie die gleiche Bezahlung auf dem Arbeitsmarkt und die niedrige Rate in den politischen Parteien blieben bestehen.

Gib hier deine Überschrift ein

Die Zahl der Frauenmorde in der Türkei ist in den 2000er Jahren im Vergleich zu den Vorjahren stark gestiegen; 2019, als 474 Frauen getötet wurden, war das Jahr, in dem die meisten Frauen in den letzten 10 Jahren getötet wurden. Laut der Plattform »Wir werden die Morde an Frauen stoppen« wurden 2020 300 Frauen von Männern getötet und 171 Frauen verdächtig tot aufgefunden. Zwischen 2010 und 2019 ging die Zahl der Frauenmorde nur im Jahr 2011 zurück, dem Jahr, in dem die Istanbul-Konvention unterzeichnet wurde. (80 Frauen im Jahr 2008, 109 im Jahr 2009, 180 im Jahr 2010, 121 im Jahr 2011, 210 im Jahr 2012, 237 im Jahr 2013, 294 im Jahr 2014, 303 im Jahr 2015, 328 im Jahr 2016, 409 im Jahr 2017, 440 im Jahr 2018, 474 im Jahr 2019.) Insgesamt wurden zwischen 2008 und 2019 3.185 Frauen getötet.

Leider sind die Zahlen in Deutschland ähnlich wie in der Türkei. Laut Bundeskriminalamt versucht jeden Tag ein Mann seine (Ex-)partnerin zu töten. Alle 45 Minuten wird eine Frau durch ihren Partner verletzt oder angegriff en.

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Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.