Ich – Haare – jeden Tag – auf Wiedersehen

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Was mache ich, wenn ich nur sechs Wörter Deutsch kann und zum Arzt muss?

Als ich nach Deutschland kam, habe ich plötzlich viele Haare verloren, wegen dem Stress. Ich habe gedacht: „Wenn du nicht zum Arzt gehst, bist du bis zum nächsten Monat ganz kahl. Wenigstens muss ich dann nicht mehr jeden Monat 20 Euro fürs Haareschneiden ausgeben. Aber, oh nein, man wird nicht schöner ohne Haare. Nein, die Frauen mögen das nicht und im Winter kann man nicht ohne Mütze gehen. (Ich mag keine Mütze auf dem Kopf. Bei McDonalds, wo ich arbeite, muss man eine Kappe tragen. Ich hasse das. Wenn der Chef weg ist, nehme ich sie ab.)

Ich wollte also zum Arzt gehen, aber ich konnte noch nicht Deutsch sprechen. Was soll ich zum Arzt sagen. Ich konnte nur „Hallo“, „Tschüss“ und „Danke“ sagen. Aber wenn ich nicht gehe, bin ich bald kahl und die Frauen mögen mich nicht, nein, nicht nur die Frauen. Als einmal meine Betreuerin gekommen ist, habe ich mir die Haare abgerissen und ihr gezeigt, sie hat verstanden und einen Arzttermin für mich gemacht. Ich habe aber niemanden gefunden, der mit mir geht und wollte darum zuerst nicht hingehen. Aber ich habe gehört: In Deutschland ist der Termin wichtig, man muss hingehen und pünktlich sein. Termin ist Termin. Bei der Ärztin an der Information sollte ich einen Fragebogen ausfüllen. Ich habe gespickt bei dem Mann neben mir und habe angekreuzt, was er angekreuzt hat. Heimlich habe ich den Bogen auf die Theke gelegt und hatte Angst, es nicht richtig gemacht zu haben. Als ich dann an die Reihe kam, hatte ich viel Stress: Was macht sie mit mir? Es war mein erster Arztbesuch in Deutschland. Sie hat gefragt: Was kann ich für Sie tun? Was sollte ich jetzt machen?? Ich kannte doch nur wenige Wörter. 

Illustration: Antje Krüger

Und so sagte ich: „Ich … Haare … jeden Tag … auf Wiedersehen.“ Sie hat gelacht. Dann hat sie viele Fragen gestellt, ich habe nichts verstanden und nur immer „Ja“ gesagt und manchmal „Nein“, weil es ja komisch ist, wenn man immer „Ja“ sagt. Die Salbe, die sie mir aufgeschrieben hat, habe ich nicht genommen, weil ich ja nicht sicher war, was die Ärztin verstanden hat. Ich habe selber ein neues Shampoo gekauft, und meine Haare sind wieder gesund geworden. Warum ich überhaupt zur Ärztin gegangen bin? Weil meine Betreuerin einen Termin gemacht hatte. Termin ist Termin.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.