Ich dachte, „sozial“ bedeutet „helfen“…

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Ich kam vor drei Jahren aus Afghanistan als 19-Jähriger nach Deutschland. Ich konnte noch überhaupt kein Deutsch, aber ich habe sofort einen Asylantrag gestellt. Bis heute habe ich darauf nie eine Antwort bekommen. In den drei Jahren ist sehr viel passiert: Ich war erst auf der SchlauSchule, dann war ich zwei Monate in einem speziellen Deutschkurs, habe dann drei Monate gearbeitet und jetzt habe ich meinen Ausbildungsplatz in Nandlstadt begonnen. In der Zwischenzeit habe ich nicht nur Deutsch, sondern auch ein bisschen Bairisch und viel über Deutschland gelernt. Es waren drei schwere Jahre.

Zum 31.12.2016 lief mein Aufenthalts-Status ab. Deshalb ging ich im Dezember wie immer zum Landratsamt Freising, um einen neuen Stempel für weitere sechs Monate zu bekommen. Die Frau vom Amt war freundlich, sagte aber, dass sie eine Mail vom Außenminister bekommen hat, und jetzt sei es so, dass Leute aus Afghanistan, Pakistan, Nigeria und Iran ab sofort einen Passantrag unterschreiben müssen, weil diese Länder ab sofort sichere Herkunftsländer sind. Nur so bekäme ich eine Arbeitserlaubnis. Ich erklärte ihr, dass ich ja schon seit vier Monaten in der Ausbildung bin. Aber sie antwortete, dass sie das nicht interessiere, und ich sollte jetzt den Passantrag unterschreiben.

Ich sagte dann zu ihr, dass ich dann besser auf der Straße schlafe.

Ich dachte voller Angst an meine Familie, dass ich nicht nach Afghanistan zurück kann und dass es für mich dort nicht sicher ist. Deshalb sagte ich: „Ich will das nicht unterschreiben. Und wenn ich nicht mehr arbeiten darf, dann mache ich lieber mein Abitur in der Abendschule in Freising“. „Dann bekommen Sie aber nur noch 120 Euro im Monat vom Landratsamt“, sagte sie und ich sagte dann zu ihr, dass ich dann besser auf der Straße schlafe. Aber auch da meinte sie nur, dass es sie nicht interessiere, was ich mache oder wo ich schlafe.

Ich dachte nur noch, ich brauche jetzt ganz dringend Hilfe, bin rausgegangen und habe verschiedene Leute angerufen, auch meinen netten Chef. Er meinte, ich solle sofort zu meinem Anwalt gehen, und der hat dann auch sofort eine Mail an das Amt geschrieben. Am nächsten Tag bin ich wieder ins Landratsamt und wieder war die Frau da. Sie hatte die Mail schon gelesen und plötzlich bekam ich sofort eine Verlängerung meines Aufenthalts-Status und eine Arbeitserlaubnis. Noch dazu sagte sie, dass es ihr Fehler gewesen sei und dass ich für die Zeit meiner Ausbildung hier sicher bin.

Das war schon krass. Sie hat sich dann auch entschuldigt und gesagt, es sei neu, dass Flüchtlinge, die einen Ausbildungsplatz haben, so lange hier bleiben dürfen. Dann gab sie mir noch den Tipp: Ich könne für immer in Deutschland bleiben, wenn ich eine „deutsche Dame“ heiraten würde.

Ich dachte, das Landratsamt hat in Wirklichkeit versucht, mich abzuschieben, weil sie meinten, ich kann nicht genug Deutsch, um das alles zu verstehen. Ist das sozial?

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.