„Hier kann ich ich sein“

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Interview mit Shirin Mirza Khalaf aus dem Irak

NeuLand: Hallo Shirin, Du bist jetzt 19 Jahre alt. Im Alter von 14 bist Du aus dem Shingal-Gebirge mit deinen Geschwistern vor dem IS geflüchtet und lebst seither mit deiner Familie in Deutschland. Wie geht es Dir?

Mir geht es gut. Als jesidische junge Frau habe ich sehr viel Möglichkeiten in Deutschland. Ich bin gut hier angekommen. Ich habe so viele Menschen kennengelernt. Ich kann jetzt sagen, was ich will und ich kann auch machen, was ich möchte. Ein Mensch braucht das – dass er das Leben leben kann, das er will. Ich kann ich sein. Die deutsche Regierung hat auch unglaublich viel für die Jesiden getan, mehr als jedes andere Land. Sei es in Deutschland oder im Irak. Dafür bin ich auch sehr dankbar.

NeuLand: Du absolvierst gerade deine Ausbildung als Arzthelferin. Wie gefällt es Dir?

Ursprünglich wollte ich Medizin studieren. Das war einer meiner größten Wünsche. Diesen Wunsch habe ich seit der Ausbildung nicht mehr. Ich möchte sehr gerne die Ausbildung abschließen, aber nach der Ausbildung möchte ich die Richtung komplett wechseln.

NeuLand: Gab es einen Grund, einen Auslöser für diese Entscheidung?

Ich bin jetzt im dritten Lehrjahr. Es ist nichts für mich. Ich sitze in der Praxis und fühle, das ist nicht mein Platz, ich gehöre da nicht hin.

NeuLand: Gab es einmal ein Erlebnis, das Dich weitergebracht hat, das Dich gestärkt hat?

Dass ich für die Neuland-Zeitung schreiben durfte, hat mir sehr viel gegeben, das hat mir viel Kraft verliehen. Es hat mir Hoffnung gegeben, dass die Welt sich ändern könnte. Dass die Menschen in Ruhe und zufrieden miteinander leben könnten. Ich habe mit vielen Menschen sprechen können, die auch Hoffnung hatten, die ein gutes Herz haben, das hat mir wirklich weitergeholfen und mir Mut gemacht, weiterzumachen.

NeuLand: Was verstehst Du – vor deinem besonderen biografischen Hintergrund – unter Heimat? Ist es ein Ort, verbindest Du bestimmte Menschen damit?

Ich könnte aus Deutschland kommen, aus dem Irak kommen, aus Syrien, aus Russland etc. Gott entscheidet und Gott hat den Menschen einfach irgendwo hingestellt. Heimat sollte Sicherheit bedeuten, sollte mit Liebe, Kraft und Mut verknüpft sein – mit dem Begriff der Heimat sollten eigentlich alle schönen Dinge der Welt verbunden sein. Aber das habe ich in meinem Land nie erlebt. Wir, als Jesiden, waren im Irak nie willkommen. Wir hatten nie das Gefühl von Liebe oder von Sicherheit. Am 03. August 2014 – da haben wir es gemerkt, dass da keine Sicherheit, dass nichts für uns da war.*

NeuLand: Du machst auch – wann immer es möglich ist – auf die Situation der Jesiden aufmerksam. Hast Du das Gefühl, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung etwas getan hat, sich etwas verbessert?

Jeder einzelne Mensch auf der Welt ist wertvoll. Mir wurde so oft die Frage gestellt: „Was sind Jesiden?“ Nach all dem, was wir erlebt haben – und selbst wenn wir das alles nicht erlebt hätten – es ist doch sehr schade, dass es eine Religion auf der Welt gibt, die fast niemand kennt. Es ist hilfreich für uns, wenn andere Menschen unsere Geschichte kennen, dass sie wissen, dass es ein Volk gibt, das seit Jahrhunderten leidet, das 74 Kriege erlebt hat und dass es jedes Mal schlimmer wurde. Wir fühlen uns stärker, wenn die Menschen uns kennen, die müssen noch nicht einmal etwas machen. Die meisten können uns auch gar nicht helfen oder viel machen. Ich denke schon, dass wir ein bisschen bekannter geworden sind, das ist schön und hilfreich.

NeuLand: Du hast einmal gesagt, dass Du deine Schwestern, Cousinen und Freundinnen, die Frauen, die viel erduldet haben, sehr stark unterstützt hast und immer noch unterstützt. Woher bekommst Du die Energie dafür?
Was wir erlebt haben, das war sehr schlimm. Wir müssen sehr stark sein, um etwas zu verändern. Egal, wie sehr wir trauern, egal, wie sehr wir uns in unserem Leid verschließen – wir können die Vergangenheit nicht ändern. Wir können nur die Zukunft ändern. Wir möchten die Frauen, jede für sich selbst, so stärken, dass sie aus dem Schlechten, das sie erlebt haben, etwas Gutes machen.

 

* 3. August 2014: Die Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staats“ fielen im Norden des Irak ein, um die jesidische Minderheit auszulöschen. Sie verübten Massenmord an den jesidischen Männern, verschleppten und versklavten jesidische Frauen und Kinder. Zehntausende Menschen mussten fliehen.

NeuLand: Apropos „Frauen“: Haben die jesidischen Frauen die gleichen Rechte wie die Männer? Gibt es so etwas wie Emanzipation?

Nein, also die gleichen Rechte haben wir auf jeden Fall nicht. Ich würde nicht sagen, dass es sehr schlimm bei uns ist. Es kommt auch auf die Familie an. Es gibt Familien, die mit viel Freiheit leben. Es gibt aber auch Familien, die sehr viel Druck auf die Frauen ausüben, die sagen: „Ihr seid Frauen. Ihr habt keine Rechte. Frauen gehören in die Küche!“ Aber immer wieder gibt es das auch, dass Frauen akzeptiert und respektiert werden, liebevoll behandelt werden und einfach als wertvolle Menschen angesehen werden. Das gibt es ja auch anderswo. Aber leider kann immer noch nicht gesagt werden: Frauen und Männer sind gleichberechtigt.

NeuLand: Was würdest Du Dir für die Frauen wünschen?

Für jede Frau auf der Welt, egal ob Jesidin, Muslima, Christin oder Jüdin, für jede Frau auf der Welt würde ich mir wünschen, dass sie sich gut fühlt, dass sie sich gleich- berechtigt fühlt und dass sie liebevoll und respektvoll behandelt wird.

NeuLand: Die jesidischen Frauen tragen ja kein Kopftuch. Wie ist das genau?

Früher war es so, dass oft auch die jungen Frauen ihr Haupt mit einem Schal bedeckt und Kleider und Röcke getragen haben. Aber mit dem Verlassen des Landes hat sich viel verändert. Das ist jetzt nicht mehr so. Allerdings – ältere Frauen ziehen sich oft nach wie vor ganz weiß an. Sie bedecken auch ihr Haupt mit einem weißen Tuch. Es hat aber nichts damit zu tun, dass man die Haare nicht sehen soll. Die älteren Frauen fühlen sich damit wohler, es ist ihnen vertraut und so ist es geblieben.

NeuLand: Jesiden heiraten ja nur untereinander, d.h. sie praktizieren eine Endogamie. Und es gibt auch unter den Jesiden verschiedene Kasten, die auch nur untereinander heiraten dürfen. Wie geht es Dir damit?

Dass es schwierig ist, kann ich nicht sagen. Ich kann natürlich nicht für alle Jesiden sprechen. Ich kann nur für mich sprechen und wie ich es sehe. Ich glaube, wir orientieren uns einfach nicht so extrem nach außen. Wir Jesiden kennen uns auch untereinander und wissen, was geht und was nicht geht. Ich kann es nicht erklären. Aber es ist tatsächlich so, dass man sich innerhalb der eigenen Kreise orientiert.

NeuLand: Wenn Du einen Wunsch frei hättest, was würdest Du Dir wünschen?

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre es definitiv der, dass jeder Mensch auf der Erde, wirklich jeder einzelne Mensch, glücklich und zufrieden leben kann. Dass Menschen einfach keinen Hass im Herzen haben, dass sie sich gegenseitig alle lieben, akzeptieren, respektieren – egal welche Hautfarbe jemand hat, welche Sprache er spricht, welches Geschlecht er hat oder welche Religion. Einfach, dass jeder Mensch auf der Welt glücklich leben kann und dass jeder so willkommen ist, wie er ist. Das wäre mein größter Wunsch.

NeuLand: Danke für dein schönes Schlusswort und für deine offenen Worte. Es hat viel Freude gemacht, mit Dir zu sprechen. Ich wünsche Dir alles Gute auf deinem Weg.

Das Interview führte Gudrun Hackenberg von der Redaktion des NeuLand e.V.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.