„Hier ist alles tak tak tak“

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Eine Hauptmotivation, das NeuLand-Projekt ins Leben zu rufen, war die reine Neugier. Wir wollten unter anderem wissen, was Geflüchtete und Migranten über Deutschland, die Menschen dort und ihr neues Leben denken. Und das findet man am besten im Gespräch heraus. Deshalb gibt es seit der letzten Ausgabe diese neue Interview-Rubrik. Wir sprechen in jeder Edition mit einem Autor, der schon einmal für NeuLand geschrieben hat. Einer, der uns seit der ersten Ausgabe die Treue gehalten hat, ist James Tugume aus Uganda. Er ist seit über vier Jahren in Deutschland.

Hallo James, wie geht es dir?

Mir geht’s gut, wie geht es dir?

Danke, mir geht’s auch gut. Deine Freundin hat vor Kurzem eine große Überraschungsparty für dich organisiert, obwohl du gar nicht Geburtstag hattest. Willst du kurz erzählen, worum es ging?

Ja, das war eine Überraschung, ich wusste gar nichts davon. Es war die Anerkennungsfeier für meinen Abschluss. Ich habe in Uganda studiert, Sozialarbeit und Gemeinschaftsentwicklung, und als ich nach Deutschland kam, wusste ich, dass ich als Sozialarbeiter arbeiten wollte, aber das war nicht einfach. Zuerst musste ich Deutsch lernen und nach dem Integrationskurs habe ich erfahren, dass ich meinen Bachelor anerkennen lassen muss. Der Prozess war sehr lang. Für die Anerkennung musste ich ein Jahr lang jeden Donnerstag bis Samstag studieren und danach noch sechs Monate Praktikum machen. Die Zeit war nicht einfach – ein Kind zuhause, arbeiten, Deutschkurse – aber sehr gut. Um das zu feiern, hat meine Freundin eine Überraschungsparty für mich organisiert.

Du hast wirklich unglaublich viel geschafft und deine meisten Ziele sogar übertroffen, seit du 2014 aus Uganda nach Deutschland gekommen bist. Welches deiner Ziele war dabei am schwierigsten zu erreichen?

Das erste Ziel war, Deutsch zu lernen und bis jetzt ist es immer noch schwierig. Die Anerkennung zu bekommen, eine Familie zu haben, zu arbeiten – das waren die wichtigsten drei Ziele. Aber Deutsch zu lernen war dabei am schwierigsten. Wo hast du während der Zeit gearbeitet? Nach einem Jahr habe ich angefangen in einer Unterkunft zu arbeiten. Ich konnte ein bisschen Deutsch verstehen aber mit den Bewohnern auch Englisch sprechen, zum Beispiel mit den Leuten aus Nigeria und anderen afrikanischen Ländern. Ich habe als pädagogische Ergänzungskraft gearbeitet. Am Wochenende habe ich eine Ausbildung zum Fitnesstrainer gemacht. Als ich die B-Lizenz hatte, habe ich am Wochenende einen Minijob als Trainer gefunden, das mache ich auch immer noch.

Foto: James Tugume

Das klingt nach einem ganz schönen Pensum. Zwei Jobs, studieren, eine kleine Tochter zuhause…

Ja, das war zu viel.

Wie wichtig war für dich bei all dem die Unterstützung deiner kleinen Familie hier beim Erreichen deiner Ziele?

Ich habe bei NeuLand meinen ersten Artikel geschrieben: „Der Dschungle ist hier“. Wenn du in den Dschungle gehst, wenn du alleine bist als Jäger, dann brauchst du einen Hund und einen Speer. Hier, in diesem Dschungle, habe ich meine kleine Familie, die war immer für mich da. Mit meiner Kleinen habe ich am Wochenende nach der Arbeit immer viel Spaß. Für meine Freundin war es etwas zu viel, dass ich so wenig zuhause war, aber sie hat mich sehr unterstützt.

Genau wie Adnan (Interview Ausgabe 10) warst du von Anfang an bei NeuLand dabei. Wie kam es damals dazu, dass du angefangen hast zu schreiben und wie erlebst du die Zusammenarbeit mit NeuLand?

Die Zusammenarbeit mit NeuLand ist super. Ich hatte viele Geschichten darüber gehört, dass die Leute ein anderes Bild von Uganda und Afrika haben. Die Möglichkeit, mein Bild von Uganda mit den Leuten zu teilen, ist sehr wichtig für mich. Es ist eine Chance, dass ich erzählen kann, wie es da unten wirklich ist. NeuLand hat eine Brücke für mich gebaut, mit der ich viele Leute schneller erreichen kann. Über die Familie meiner Freundin habe ich damals Eva Treu [Redakteurin bei NeuLand (Anmerkung der Redaktion)] kennengelernt und sie hat mir beim Deutschlernen geholfen und dann gefragt, ob ich Interesse habe, bei NeuLand zu schreiben. Ich hatte gehört, dass manche Leute vor Afrika Angst haben und mir gedacht, dass es gut wäre, den Leuten zu erzählen, wie es wirklich ist. So bin ich zu NeuLand gekommen.

Deine Artikel thematisieren oft die kulturellen und lebenspraktischen Unterschiede zwischen Deutschland und Uganda. Gibt es etwas, an das du dich immer noch nicht gewöhnt hast?

Ich bin jetzt seit viereinhalb Jahren hier. Ich würde nicht sagen, dass ich mich an etwas nicht gewöhnt habe, aber es gibt viele Unterschiede. Zum Beispiel ist das Leben in Uganda nicht so geplant und systematisch, wie in Deutschland. Hier ist alles tak tak tak: Aufstehen, Frühstücken, zur Arbeit fahren, Kinder vom Kindergarten abholen, Essen, Schlafen. In Uganda brauche ich keinen Termin, um einen Freund zu treffen. Ich komme einfach vorbei und niemand würde sagen: „Ey, du hast keinen Termin mit mir!“ Es ist einfach anders, aber ich würde nicht sagen, dass ich mich nicht daran gewöhnt habe. Ich bin hier und ich muss versuchen, mich an das System anzupassen.

Was gefällt dir an Deutschland und was vermisst du am meisten an deinem Heimatland?

Darüber habe ich auch einen Artikel geschrieben: Das Beste an Deutschland ist die Krankenversicherung. Aber hier vermisse ich die Spontanität und Freiheit, Sachen anders zu machen als andere. Zum Beispiel sind hier alle Häuser grau, in Uganda kannst du dein Haus so bauen, wie du möchtest – schwarz, rot, gelb, grün. Niemand fragt. Es soll nur dastehen. Solche Sachen vermisse ich, so bin ich aufgewachsen.

Du arbeitest unter anderem mit Geflüchteten und beschäftigst dich deshalb auch beruflich viel mit dem Thema Integration. Was ist deiner Meinung nach die größte Herausforderung, wenn es darum geht, Menschen aus anderen Kulturen in Deutschland zu integrieren? Und was muss gegeben sein, damit deiner Erfahrung nach Integration besonders gut funktioniert?

Ich denke, da gibt es nur eine Sache: Die Leute, die neu nach Deutschland kommen, sollen die deutsche Kultur verstehen und die Deutschen sollen die Kultur der Migranten auch verstehen. Wenn das funktioniert, ist Integration kein Problem. Das größte Problem sind Vorurteile. Wenn die Deutschen zum Beispiel hören, dass die Flüchtlinge gefährlich sind und sich nicht die Zeit nehmen, die Leute zu verstehen, dann wird alles schwierig. Genauso gibt es Migranten, die zum Beispiel denken, alle Deutschen sind Rassisten und deshalb keinen Kontakt wollen. Diese einseitige Sicht von beiden Seiten macht Integration schwierig. Die Menschen müssen sich dafür interessieren, die anderen kennenzulernen.

Gibt es etwas, das jeder von uns tun kann, um Integration im Alltag mitzugestalten?

Jeder sollte sich Zeit nehmen und sich für die anderen interessieren. Wer sind sie, was machen sie, warum machen sie das, warum benehmen sie sich so und nicht anders? Anstatt zu sagen: alle Schwarzen sind dumm, alle Muslime sind gefährlich oder alle Deutschen sind Rassisten.

Wenn du an 2019 denkst, welche Herausforderungen siehst du auf dich zukommen und worauf freust du dich am meisten?

Ich freue mich sehr darauf nach Uganda zu fliegen. Ich habe in meinem Dorf ein Projekt gestartet, um ein Jugendzentrum zu bauen, wo Jugendliche sich treffen, spielen und von einem Sozialpädagogen beraten werden können. Sowas gibt es dort noch nicht. Dann freue ich mich auf meinen neuen Job [als Sozialpädagoge im „Young Refugee Center“ der Stadt München (Anmerkung der Redaktion)]. Ich weiß noch nicht, wie das wird, aber ich freue mich auf die Arbeit mit den Jugendlichen, die neu nach Deutschland kommen. Und natürlich auf unser zweites Kind, das im Sommer geboren werden wird.

Vielen Dank für das Gespräch, James, und alles Gute für die Zukunft!

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.