„Hier fühle ich mich so frei und habe keine Angst mehr“

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Ich bin in Afghanistan geboren. Als ich zwölf Jahre alt war, sind meine Eltern mit mir und meinen sechs Geschwistern in den Iran geflüchtet. Wir sind mit mehreren Familien in einem offenen Lastwagen durch Pakistan gefahren. In Balutschistan passierte ein Unfall. Der Wagen überschlug sich. Meine kleine Schwester war sofort tot. Auch andere Personen sind getötet worden. Mein Vater war sehr schwer verletzt. Ich hatte die linke Schulter und einige Finger gebrochen. Ein Onkel aus dem Iran hat mich und meine Geschwister abgeholt. Mein Vater musste noch ein Jahr in Belutschistan im Krankenhaus bleiben und meine Mutter blieb bei ihm. Als sie in den Iran zu uns kamen, hatten sie nichts. Alles war verloren gegangen. Ich wurde mit 13 Jahren verheiratet und musste zu meinem Mann in eine andere Stadt ziehen, er war 13 Jahre älter als ich. Ich kannte niemand dort, meine Eltern waren weit weg. Ich bekam zwei Töchter. Wir waren sechs Jahre verheiratet, da wurde mein Mann sehr krank. Was er genau hatte, erfuhr ich damals gar nicht. Ich glaube aber, es war eine Art von Magenkrebs. Er ist nach der zweiten Magenoperation gestorben. Ich konnte den Bericht vom Krankenhaus nicht lesen.

In Afghanistan und auch im Iran durfte ich nicht in die Schule gehen. Ich blieb alleine im Iran mit unserem Baby und unserer 4 Jahre alten Tochter. Im Iran war es damals sehr, sehr schwer für eine Frau ohne Mann. Man durfte nicht alleine auf die Straße gehen und Männer – auch männliche Verwandte – durften die Frauen schlagen. Es gab wirklich keinen Respekt für die Frauen.

Ich habe so viel Gewalt erfahren. Es war so schwer für mich, dass ich beschloss, mit meinen beiden Mädchen aus dem Iran zu fliehen. Wir sind in einem Boot geflüchtet Gemeinsam mit meinem 16 Jahre alten Bruder sind wir durch den ganzen Iran und die Türkei und dann in einem Boot übers Meer geflüchtet. Es waren 58 Menschen auf dem Boot und wir konnten nicht schwimmen. Wir kamen nach Italien.

Seit sechseinhalb Jahren sind wir in Deutschland. Ich habe die Sprache und Schreiben gelernt. Hier fühle ich mich so frei und habe keine Angst mehr. Ich habe die Hoffnung, dass alles besser wird. Wir bekommen viel Hilfe von anderen Deutschen. Meine beiden Mädchen sind mittlerweile 12 und 16 Jahre alt. Sie gehen gerne in die Schule und in den Sportverein – und eine lernt Flöte und Geige spielen. Ich habe eine Arbeit gefunden und bin zufrieden, wenn ich ein ganz normales und ruhiges Leben führen kann.

Illustration: Antje Krüger

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.