„Es gibt viele, denen es viel schlechter geht“

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Anm. d. Red.: In der vierten Ausgabe der NeuLand-Zeitung lag der thematische Schwerpunkt auf dem Schicksal der Jesiden. Die Redaktion hat lange diskutiert, ob die Texte im Sinne von NeuLand publizierbar sind. Denn NeuLand will vor allem Nähe schaffen und Ängste nehmen. Aber es geht auch um Verständnis. Es geht auch darum, zu begreifen, was die Jesiden erleiden mussten und noch müssen, wie es ihnen jetzt geht und wie sie ihre Traumata verarbeiten. Die jungen Autoren Shirin und Sultan schreiben aus ihrer Perspektive, sie schildern ihre persönlichen Erfahrungen.

Ich bin Shirin und komme aus dem Irak, aus Schingal. Ich bin 16 Jahre alt und bin seit zwei Jahren in Deutschland. Ich bin zu Fuß hierher gekommen, weil ich vor der Terrorgruppe IS geflüchtet bin. Ich bin ohne meine Mutter, nur mit meinen Geschwistern geflüchtet. Ich war ein Jahr lang ohne meine Mutter in Deutschland. Ich habe in dieser Zeit erst verstanden, was es heißt, ohne Mutter zu sein. Früher war meine Mutter immer bei mir. Ich wusste nicht, was für ein Gefühl es ist, wenn man ohne Mutter lebt. Dann ist meine Mutter nach einem Jahr nach Deutschland gekommen. Gott sei Dank ist meine Mutter wieder bei mir!

Aber drei meiner Schwestern, die verheiratet sind, sind immer noch mit ihren Kindern und Männern im Irak. Auch ein Bruder von mir ist mit seiner Frau und seinen Kindern noch dort. Eine meiner Schwestern wollte mit ihrer Familie nach Deutschland kommen. Sie wollten zuerst mit dem Boot nach Griechenland kommen. Aber sie sind zwischen der Türkei und Griechenland ertrunken. Es wurden 15 Leichen gefunden. Diese wurden in den Irak zurückgeschickt. Acht sind immer noch vermisst. Eine Tochter meiner Schwester ist zu uns gekommen. Sie hat jetzt nur uns und ihren Vater. Keinen Bruder, keine Schwester, keine Mutter, niemanden außer uns.

Uns ging es sehr schlecht. Wir haben gesagt, wir schaffen das nicht, wir können damit nicht mehr klarkommen. Wir waren monatelang nicht mehr normal, wir waren nur am Weinen. Wir dachten, es kann nicht schlimmer werden. Aber nein, es gibt viele, denen es schlechter geht. Zum Beispiel meiner Cousine und Nadja Murad – und noch tausenden Frauen und Mädchen aus dem Irak. Sie wurden vergewaltigt, geschlagen, als Putzfrau benutzt. Sie wurden zum Heiraten gezwungen. Sie haben keine Familien mehr. Mutter, Vater, Bruder und Onkel wurden umgebracht. Das alles ist seit dem 3. August 2014 passiert und es läuft immer noch so. Manche Frauen und Mädchen sind wieder frei und sind nach Deutschland gekommen. Aber es sind immer noch ungefähr 3.000 Frauen und Kinder in der Gefangenschaft des IS und die Männer vom IS machen alles, was sie wollen mit unseren Frauen und Kindern. Die Frauen werden von drei bis fünf Männern vergewaltigt. Ich habe persönlich mit den Frauen geredet, die vergewaltigt wurden. Wenn sie „Nein“ gesagt haben, wurden sie geschlagen und dazu gezwungen, gefügig zu sein.

Denen, die nach Deutschland gekommen sind (ohne Vater, Mutter oder Geschwister), versuchen wir (meine Mutter, meine Geschwister und ich) zu helfen. Wir telefonieren mit ihnen, sie besuchen uns, wir besuchen sie. Wir machen alles, was wir können, um sie glücklich zu sehen, um sie nicht alleine zu lassen. Immer, wenn wir Jesiden ein Fest haben, rufen wir sie an. Wir reden stundenlang mit ihnen, wenn sie nicht zu uns kommen können. Alles, was wir machen wollen, ist, ihnen zu zeigen, dass das Leben weitergehen muss. Es gibt viele, denen es besser als anderen geht, weil sie ihre Ehre nicht verloren haben. Die Frauen, die nicht vergewaltigt wurden, helfen mit uns den anderen Frauen und Mädchen. Sie brauchen unsere Hilfe.

Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit und werden ethnisch den Kurden zugeordnet. Neben ihrer weltweiten Vertei­lung in der Diaspora, lebte bis 2014 etwa die Hälfte aller Jesiden in der Nineve-Ebene im Nordirak am Sinjar-Gebirge. Im August 2014 überfiel der sogenannte IS die jesidischen Dörfer im Nordirak, entführte Frauen und Kinder, die Män­ner richtete er vor ihren Augen hin. Die Vereinten Nationen veröffentlichten zum Massaker an den Jesiden, das sie einem Völkermord gleichsetzen, vorläufige Zahlen: mindestens 5.000 Jesiden wurden getötet, bis zu 7.000 entführt und etwa 430.000 Menschen aus dem Sinjar sind auf der Flucht. Die JesidInnen, die dem IS entkommen konnten, berichten von unvorstellbaren Qualen, die ihnen von den IS-Kämpfern zugefügt wurden. (Quelle: Gesellschaft für bedrohte Völker)

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.