Eine schreckliche Geschichte!

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Ich fuhr mit der U-Bahn vom Marienplatz zur Münchner Freiheit. Am Odeonsplatz stieg ein alter Mann ein. Ich glaube, er war schon über 80 Jahre alt. Als die U-Bahn losfuhr, ist er ein bisschen nach hinten gestolpert. Ich hatte Angst, dass er hinfällt und habe ihn gehalten. Dann habe ich ihm meinen Platz angeboten. Er setzte sich und sagte zu mir: „Du bist ein schöner Mann“. Er nahm meine Hand und spielte mit ihr. Ich fand das sehr komisch, aber ich dachte, das ist in Deutschland vielleicht normal, wenn sich jemand bedanken will.

Am nächsten Tag war er wieder in der gleichen U-Bahn. Ich hatte einen Termin in der Nähe von der U-Bahnstation Giselastraße. Als ich ausstieg, stieg er mit mir aus. Er fragte: „Willst du Kaffee mit mir trinken?“, aber ich hatte keine Zeit. Er gab mir seine Adresse und Telefonnummer und sagte, ich soll nach dem Termin zu ihm kommen – er wollte mir von Jesus erzählen, und ich sollte ihm von Mohammed erzählen. Ich dachte, vielleicht kann er mir mit einer Wohnung helfen, und ich helfe ihm dafür, weil er schon so alt ist. Also ging ich zu ihm. Er bat mir eine Apfelschorle an, und ich setzte mich auf sein Sofa. Er brachte die Schorle und setzte sich neben mich. Dann legte er seine Hand auf mein Knie und fing an zu streicheln. Dann hat er auch meinen Bauch gestreichelt, und ich bekam wirklich Angst. „Bist du schwul?“ habe ich ihn ein bisschen sauer gefragt. Er sagte „Ja, ich bin schwul“.

Ich bin sofort aufgestanden, ich war so sauer, und wollte weg. Er hielt mich auf: „Moment, ich habe schon in der U-Bahn mit deiner Hand gespielt. Hast du das nicht verstanden?“ Ich habe gesagt „Nein.“ und bin gegangen.

Da, wo ich herkomme, ist Schwulsein verboten, und die Männer kommen ins Gefängnis.

Ich verstehe, dass es hier in Deutschland anders ist, aber trotzdem war es für mich nicht OK, was der Mann gemacht hat.

Für mich war es schrecklich!

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.