Eine prägende Persönlichkeit – Rumi und meine Lehrerin in Teheran

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Es geht jetzt viel über Corona, deswegen will ich nicht über Corona schreiben. Ich möchte heute über eine besondere Lehrerin in meinem Leben erzählen. Sie hat mich in Teheran unterrichtet. Ich war damals 13 oder 14 Jahre alt. Die Schule kann man mit einer Realschule vergleichen. Sie hat uns Unterricht in Dichtung und Philosophie gegeben, besonders häufig ging es über Rumi, einen persischen Gelehrten und Mystiker.

Aber erst zu ihrer Person:  Am Anfang hat uns diese Lehrerin gar nicht gefallen. Wie sie redete! Sie hatte so viel im Kopf, sie wollte uns über alles etwas sagen. Das ganze Jahr über trug sie ein blaues Kleid. Dieses Kleid war überhaupt nicht modisch. Auch ihr Kopftuch hing schief. Ich glaube, sie war zu beschäftigt, um sich zu pflegen. Sie war vielleicht Ende 30, Anfang 40 und nicht verheiratet. Ihr Name war in der Region sehr bekannt.

Ein Mann auf dem Wochenmarkt bei uns in der Gegend war mit ihr verwandt. Er sagte über diese Lehrerin, sie habe nie heiraten wollen, weil sie ohnehin keinen passenden Mann finden würde. Sie wolle alleine, in ihrer Ruhe bleiben. Sie lasse sich auch nicht einladen. Er sagte auch über sie, sie hätte zuhause »komische Bilder«.

Im Speziellen sprach sie oft über unser Leben. Dass wir nicht umsonst auf der Welt sind, dass wir alle ein Ziel im Leben haben und die Zeit nutzen sollten. Sie war sehr dünn, ihre Stimme war relativ hoch. Da ich die Ausbildung beim HNO-Arzt mache, könnte ich jetzt sogar die Dezibel-Zahl nennen…

Diese Lehrerin sprach leise, sie sagte ihre Worte mit Nachdruck und sie sprach immer mit Konzentration. Sie benutzte viele philosophische Worte. Sie brachte uns den Mystiker Sufi Rumi (wir sagen Maulana) nahe. Dessen Lehrer war Schams-e aus Tabris und auch schon Mystiker gewesen.

Immer wieder betonte diese Lehrerin, dass »die Menschen Menschen sein« müssten. Wir seien aber wie Tiere. Die Menschen sollten jedoch aus »diesen tierischen Zellen herausspringen«. Wir sollten den Menschen in uns entdecken. Manchmal lachte sie uns aus, weil wir so kindisch waren. Oft war sie in Gedanken. Wir sind auch öfter zur Schulleiterin gegangen und haben gesagt: Wir verstehen die Dame nicht. Aber die Schulleiterin sagte: Ihr müsst die Gelegenheit nutzen! Diese Frau ist als sehr gute Lehrerin in der ganzen Stadt bekannt.

Ich hoffe, dass sie noch lebt und es ihr gut geht. Es gibt so viele Todeszahlen, besonders in Teheran. Ich verdanke ihr, dass sie uns den Blick geöffnet hat, und wir das Leben nicht nur aus einem Blickwinkel wahrnehmen. Das Leben, sagte sie immer, ist nicht nur Essen und Schlafen. Irgendwann arbeitet ihr, verdient Geld. Spart ein bisschen und gebt am Ende des Jahres den Menschen davon, die arm sind. Dann bekommt ihr ein gutes Gefühl.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.