Ein Zeuge muss reden

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Anmerkung der Redaktion: Der kurdische Journalist Masoud Aqil geriet auf einer Recherchefahrt in Gefangenschaft des IS. Nach neun Monaten konnte er entkommen, floh nach Deutschland und verfasste hier ein Buch. In „Mitten unter uns“ beschreibt er sein Martyrium und wie er hierzulande alles daran setzt, den IS zu entlarven und weitere Anschläge zu verhindern.

Ich war Zeuge furchtbarer Verbrechen, begangen im Namen einer Religion, eines Gottes und eines vermeintlichen Staates, in Wahrheit aber von Menschen, denen gewissenlose Ideologen erlauben, ihre niedrigsten Instinkte auszuleben. Wer gesehen hat, was ich sehen musste, darf nicht schweigen. Ein Zeuge muss reden. Zu schweigen hieße, einverstanden zu sein mit dem, was sie tun. Und das bin ich ganz und gar nicht. 

Es dauerte, bis ich bereit war, den nächsten Schritt zu gehen. Ich musste mich meinen Erinnerungen stellen, ich musste Informationen sammeln und weitergeben. Ich vertraute zwar darauf, dass die deutschen Behörden wissen: Die Dschihadisten sind überall, auch in Europa. Dass sie Verdächtige beobachten und diejenigen einsperren, die schuldig geworden sind – hier wie im IS-Land. Aber ich wusste auch, dass Polizei und Staatsschutz gegen diese Verbrecher nur vorgehen können, wenn es einen begründeten Verdacht gibt. 

 

 

„Es war eine schockierende Erkenntnis, dass sich einige derjenigen, die mich in Syrien gequält hatten, nun in Europa befinden.“ 

Foto: Jörg Schulz / Chuck Knox Photography

Ich wollte den Behörden dabei helfen, diese Verdachtsmomente zu finden. Also nahm ich Kontakt auf zu Menschen, die mit mir eine Zelle geteilt hatten. Sie alle kannten Namen von IS-Mitgliedern, die mit den Flüchtlingen nach Europa aufgebrochen waren. Ich fand auch die Kraft, wieder in meine Aufzeichnungen der Informationen zu blicken, die ich im Gefängnis gesammelt und nach meiner Freilassung niedergeschrieben hatte. Ich vernetzte mich außerdem mit mir bekannten kurdischen Militärführern. Von dort erhielt ich aktuelle Informationen, die sie bei gefangenen IS-Mitgliedern abschöpften oder von anderen ausgetauschten kurdischen Gefangenen erhalten hatten. Ich griff auf die Hinweise der Volksverteidigungseinheiten YPG zurück, die ich vor meiner Abreise erhalten hatte. Und ich bat kurdische Sicherheitskräfte in Qamishlo, die ich über meine Unterstützung der deutschen Behörden informierte, um neue Informationen über den IS in Syrien sowie um Hinweise zu ausgetauschten IS-Kämpfern, die das Land möglicherweise in Richtung Europa verlassen hatten. 

Dank dieser Hinweise fand ich in den sozialen Netzwerken Bilder und Posts von Männern, die – zeitweise oder nach wie vor – Mitglieder von islamistischen Organisationen waren. Unter ihnen waren Männer, denen ich in den Gefängnissen begegnet war – Täter, Terroristen. Es war eine schockierende Erkenntnis, dass sich einige derjenigen, die mich in Syrien gequält hatten, nun in Europa befinden. 

„…ich zeige mich, weil ich der Überzeugung bin, dass das richtig ist.“

Indem ich mein Wissen öffentlich mache und mein Gesicht zeige, hoffe ich, auch andere zu ermutigen, den Behörden zu sagen, was sie wissen. Manche Freunde warnten mich, das zu tun. Die Islamisten könnten dich finden, sagten sie. Sie könnten dich angreifen. Doch ich habe keine Wahl. Wenn sie mich finden, sich rächen möchten und mich töten, dann soll es so sein. Sie können das, sie haben die Macht dazu, ob ich ihnen entgegentrete oder nicht. Ich war und bin ihr Feind. Aber ich zeige mich, weil ich der Überzeugung bin, dass das richtig ist. Ich will helfen, Menschenleben zu retten, Menschen vor den Terroristen zu schützen.

„Wir alle müssen mithelfen und uns gemeinsam mit unseren Gastgebern dem Terror entgegenstellen.“ (…) Ich hoffe, dass sie mithilfe meiner Informationen ein Auge auf diese gefährlichen Menschen werfen. Sie sollten alle observieren, die in Syrien gemordet, anderen dabei geholfen oder Menschen dazu ermuntert haben. Sie sind und bleiben eine Gefahr für uns alle. Sie haben mein Leben und das von Millionen anderen Menschen in Syrien ruiniert, und sie sollten keine Gelegenheit erhalten, das zu wiederholen.

Ich hoffe außerdem, dass die Behörden auf der Hut und in der Lage sind, zwischen „guten“ und „schlechten“ Flüchtlingen zu unterscheiden. Denn nicht alle Flüchtlinge sind gefährlich, die meisten sind sogar gute Menschen, die es verdient haben, in einem sicheren Land in Frieden zu leben. Aber wann immer ein Flüchtling etwas Schlimmes tut, fällt das auf alle anderen zurück. Es ist also im eigenen Interesse der Flüchtlinge, sich für die Sicherheit in diesem Land mitverantwortlich zu fühlen. Leider fürchten sich viele vor Staatsbeamten, sie haben schlechte Erfahrungen gesammelt und wissen nicht, dass die Behörden in diesem Land keine Monster sind wie diejenigen in unserer Heimat. Wir alle müssen mithelfen und uns gemeinsam mit unseren Gastgebern dem Terror entgegenstellen. Denn wenn der IS auch dieses Land zu einem unsicheren machte, zerbräche nicht nur unsere Hoffnung auf ein neues Leben. Wenn die Behörden dagegen dank unser aller Mithilfe einen Dschihadisten festnehmen können, ist das für alle ein Sieg. Ein Sieg über die Verbrecher und ein Sieg für Demokratie und Freiheit.

Masoud Aqil (2017): Mitten unter uns. Wie ich der Folter des IS entkam und er mich in Deutschland einholte. Europa Verlag. 18,90 Euro