Dieses magische Gefühl

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Eine Hauptmotivation, NeuLand ins Leben zu rufen, war die reine Neugier. Wir wollten unter anderem wissen, was Geflüchtete und Migranten über Deutschland, die Menschen hier und ihr neues Leben denken. Und das findet man am besten im Gespräch heraus. In jeder neuen Edition sprechen wir mit einem Autor, der schon einmal für NeuLand geschrieben hat.

Aus Gründen der Einschränkung durch die Corona-Pandemie konnte kein richtiges Interview stattfinden. Moh Othman hat uns seine Antworten alle schriftlich geschickt.

Lieber Moh, wie geht es Dir momentan mit der ganzen Corona-Situation?

Es ist ja schwierig, diese Situation zu beschreiben, denn die Bedeutung des ganzen Lebens hat sich für mich verändert, und zwar mit dem Lockdown, der wichtig war, um die Ansteckung von Personen verringern zu können, aber ich könnte mir das Jahr ohne richtige Feiertage wie zum Beispiel Weihnachten, Ostern und unsere Feiertage nicht vorstellen. Mir geht’s aber gut, solange es den Menschen gut geht.

Du schreibst seit langer Zeit Gedichte. Seit wann genau? Wann ist dein erstes Gedicht entstanden? Und wie viele Gedichte hast Du schon geschrieben?

Ich schreibe Gedichte, seitdem ich 15 Jahre alt bin. Also, ich würde sagen, dass mein erstes Gedicht in der siebten Klasse entstanden ist und ich habe wirklich viele Gedichte, die ich nicht zählen könnte. Manche Gedichte, die ich geschrieben habe, als ich sehr jung war, habe ich sogar zerissen. :p

Welche Themen interessieren Dich beim Dichten am meisten? Was inspiriert dich?

Es kommt immer darauf an, wie ich mich fühle oder in welcher Situation ich bin. Ich sehne mich immer nach Syrien, nach meiner Familie, Freunde und ganz kleinen Sachen, die ich einfach vermisst habe, deshalb schreibe ich am meisten über sie und natürlich über die Liebe.

Früher haben mich die Sachen, die logisch realisierbar sind, inspiriert. Aber jetzt nicht mehr, denn es lohnt sich nicht, über etwas zu schreiben, was nicht überall realisierbar ist, z.B. über Frieden.

Hilft Dir das Schreiben? Wie fühlst Du dich, wenn du ein Gedicht schreibst/geschrieben hast?

Das Schreiben hilft mir immer, Sachen auszudrücken, die ich ohne es nie sagen könnte, weil ich keine andere Methode gefunden habe, um mein Gefühl zu beschreiben. Es ist wie ein Sprung von einem Gefühl zu einem anderen Gefühl, von was Unruhigem zu was Schönem. Ich fühle mich also beim Schreiben sehr gut, als ob ich ein GOAL geschossen habe. Ja! Genau so! Dieses magische Gefühl.

Schreibst Du auf Deutsch oder auf Arabisch?

Ich schreibe immer auf Arabisch und möchte sehr gern etwas auf Deutsch schreiben, es ist aber immer noch nicht die Zeit was Schönes und Beeindruckendes auf Deutsch zu schreiben. Aber ich habe nette Versuche!

Findest Du, die deutsche Sprache eignet sich für Dichtung? Oder ist die arabische Sprache besser für die Dichtkunst geeignet? Und warum?

Jede Sprache hat ihre bestimmte Kunst und wenn ich sage, dass die arabische Sprache besser für die Dichtungskunst ist, dann ist das Quatsch und ich empfinde das auch fast wie ein Verbrechen.

Ich beherrsche die Arabische Sprache besser als die deutsche und das ist die Antwort zur Bevorzugung der arabischen Sprache aber ich werde irgendwann bestimmt auf Deutsch schreiben.

Wie geht es deiner Familie in Syrien?

Meine Familie geht es Gott sei dank gut. Sie haben bestimmt sehr schwierige Tage, aber es geht schon.

Wie siehst Du die Situation in Syrien? Glaubst Du noch an Frieden? Warum, warum nicht?

Die Situation in Syrien ist viel schlimmer geworden und es scheint, dass es keine Lösung gibt und der Krieg schlimmer wird. Jetzt fängt der richtig ökonomische Krieg an, was das Leben in Syrien unmöglich macht. Der Frieden ist eines von den Themen, an die ich nicht mehr glauben kann.

Warum? Das dauert 2 Stunden, um zu erklären, warum. Ich würde aber sagen, dass Frieden irgendwo da ist. Aber wir müssen ihn suchen und dann finden.

Wenn jetzt Frieden wäre in Syrien, würdest Du sofort zurückkehren oder doch lieber in Deutschland bleiben?

Es kommt darauf an, aber ich würde Syrien bestimmt immer besuchen.

Was bedeutet für dich Heimat?

Heimat ist für mich mehr als ein Land, zu dem ich gehöre bzw. aus dem ich stamme. Heimat ist eine Identität für jeden Bürger eines Landes. Wir müssen sie verteidigen. Ich habe immer gehofft, dass die Situation in Syrien vielleicht anders ist. Wenn wir einen konkreten Feind hätten, dann würde ich das umsetzen: Ich würde mein Land gegen diesen Feind verteidigen. Aber ich kann keinen Syrer erschießen – egal zu welcher Gruppe er gehört!!?

» Heimat ist für mich eine
Zusammenarbeit zwischen allen,
ein schönes Land aufzubauen «

Heimat ist für mich eine Zusammenarbeit zwischen allen, ein schönes Land aufzubauen, obwohl das unmöglich geworden ist und Heimat ist für mich einfach alles.

Ich kann aber sagen, dass ich zwei Heimatländer habe, eines, woher ich stamme und eines, wo ich meine Rechte bekommen habe.

Gab es einmal hier in Deutschland ein Erlebnis, das dich weiter gebracht hat? Das dich besonders gefreut hat? An das du dich gerne erinnerst?

JA! Ich habe etwas sehr Schlimmes erlebt, und zwar, als ich die B2 Prüfung für die deutsche Sprache geschrieben habe. Ich habe damals diese Prüfung nicht bestanden. Die Verwaltung hat mir gesagt, ich muss diesen Stoff wiederholen und von vorne anfangen. Das fiel mir wirklich schwer. Ich hatte nämlich versucht, schlau zu sein und schon mit dem C1 Stoff angefangen, aber die Verwaltung hat gesagt: „Es gibt eigentlich viele Schüler, die besser sind als ich und sie fangen B2 mit mir an und ich soll dankbar sein, dass ich bei B2 sein könnte, aber dass ich nicht aufgeben sollte“. Das hat mich wirklich weitergebracht, so dass ich dann einer von den besten war und C1 bestanden habe, was nur wenige geschafft haben.

Damals habe ich dieses Sprichwort verstanden: „Der Pfeil kommt immer zurück, um stärker gespannt werden zu können und schneller zu fliegen“. Das ist genau, was mit mir passiert ist und man soll nie aufgeben.

Wie stellst Du dir deine Zukunft vor? Welche Träume hast Du?

Meine Träume haben kein Ende, ich strebe immer nach allem möglichen und die Zukunft wird zeigen, was kommt, egal wann! Die Zukunft scheint für mich sehr schön. Ich mag nicht so sehr, über Träume zu sprechen, weil ein Traum unmöglich bleibt und ich so was nicht in meinem Wörterbuch habe.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.