Die deutsche Sprache ist meine Freundin

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Anmerkung der Redaktion: Die Idee zu diesem Text entstand bei einem Treen von Neuland Autor*innen und Redakteur*innen. Wir tauschten uns über die Unterschiede der arabischen und der deutschen Sprache aus. Die arabische Sprache ist reich an blumigen Ausdrücken. Für den schlichten Satz „Du riechst gut“, etwa hält sie die Umschreibung „Dein Du lässt die Toten auferstehen“ parat. Wie wäre es, wenn beide Sprachen in einen Dialog träten?

Wenn der dritte internationale Krieg deine Heimat zerstört hat und die Umstände Dich zwingen, sie zu verlassen und eine neue Heimat zu finden, eine Neue in allem, was das Wort bedeutet, eine neue Sprache, neue Gewohnheiten und neue Regeln, dann fühlst Du Dich fremd und es zerreißt Dir die Seele.

Das bedeutet, Du kannst deine Umgebung nicht mit deiner Muttersprache verstehen und in diesem Fall bringen Dich deine Gefühle dazu, Freundschaftsbrücken zu bauen. Das ist die einzige Lösung, aus diesem schrecklichen Gefühl herauszukommen, weil die Freundschaft eine neue Heimat ist.

Das Erste, was zu tun ist: Mache die Sprache zu deinem besten Freund und verstärke die Beziehung zur Sprache dieses Landes, weil diese Sprache Dir den Horizont der Integration in der neuen Gesellschaft öffnen wird. Besonders, wenn es sich um eine der schönen Sprachen dieser Welt handelt, wie es die deutsche Sprache ist.

Unsere Freundschaft beginnt mit einem „Hallo. Ich komme aus Syrien aus einem kriegsmüden Land.“

„Ah, aus Syrien, oh mein Freund, die Lage in Syrien lässt einem das Herz bluten, auf jeden Fall, Du bist uns immer willkommen in Deutschland. Was hast Du in Syrien gearbeitet?“

„Ich bin ein Dichter und schreibe über die Liebe, über Kinder, über Frieden und Freiheit, Gedichte und Kurzgeschichten.“

Da saget sie, die deutsche Sprache: „Das ist wunderbar, wir werden gute Freunde werden.“

Illustration: Elena Buono

Ich sagte, „ja, zivilisierte Sprache, lass uns eine Einheit in der Poesie erschaffen, weil meine Gedichte dich vom ersten Augenblick an geliebt haben.”

„Ja, gerne, lass uns schöne Brücken zwischen unseren Kulturen bauen.“

Da begann unsere schöne Freundschaft zu wachsen bis sie zwei Jahre alt wurde. In dieser Zeit widmete ich ihr meine arabischen Gedichte, mit orientalischem Rhythmus und klingendem Reim und sie gab mir dafür diese glänzenden Gedichte zurück mit Zauber-Rhythmus in den Farben der Sehnsucht. Und jedes Mal, wenn ich in das Meer der Liebesgefühle eintauche, taucht sie mit mir, bis die Gedichte zu blühen beginnen. Ich wechselte meinen Stil und schreibe nun Gedichtkolumnen. Sie lässt sich herausfordern und schreibt im gleichen Stil und nicht nur das, sie überträgt meine Gedanken und Gefühle im gleichen Stil. Aber manchmal ist sie sehr offen und sagt zu mir:

„Schreibe nichts Makabares, Tote haben nichts mehr mit Liebe zu tun und sie können nicht mehr aufstehen wegen des schönen Duftes eines vorübergehenden Mädchens.“

Und bei einem anderen Mal sagt sie zu mir:

Es gibt keine Liebesbrücke in meinem Wortschatz, bitte sei realistisch.“

Ich antworte ihr: Aber meine Freundin, ich bin ein träumender Dichter, der über die Liebe in der Phantasie schreibt. Ich spreche mit dem Mond und ich umarme die Erde und ich habe mich in die Bäume verliebt.

Da sagt sie mir:

„Ja, tue das, aber sei realistisch und verändere zum Beispiel den Titel deines Gedichtes „Befruchtung zweier Kulturen“ in „Verbindung zweier Kulturen“.  Und vergiss eine wichtige Sache nicht, damit unsere Freundschaft nicht auseinandergeht: Einigen meiner Verben folgt immer der Nominativ, anderen der Akkusativ und wieder anderen ausschließlich der Dativ. Aber das ist etwas Unglaubliches in Deiner Sprache. Und vergiss auch nicht, an das Geschlecht des Nomens zu denken, männlich, weiblich, sächlich, weil jedes Geschlecht einen bestimmten und einen unbestimmten Artikel hat. Im Arabischen jedoch gibt es nur einen Artikel für alle Geschlechter.“

Ich antworte: „Ja, das ist richtig, aber das sind nur einfache grammatikalische Unterschiede und verdirbt unsere Freundschaft nicht. Das Schöne an unserer Beziehung ist, dass wir uns immer beim Schreiben in die Arme fallen: Du schreibst von links nach rechts und ich komme von rechts nach links, um dich zu umarmen.“

Darauf sagt sie zu mir:

„Du bist sehr nett. Hast Du gehört, was der deutsche Orientalist Johan Samuel Ersch gesagt hat?“

„Nein, das kenne ich nicht, sage Du es mir bitte.“

„Ok, ich sage es Dir, aber, kein Grund hochnäsig zu werden, wenn Du es weißt.“

„Nein, überhaupt nicht, Eitelkeit mag ich gar nicht.“

„Er sagt, ‘Arabisch ist eine vollkommene Sprache’.“

Ich: „Ja, das ist wunderschön, ich danke dir, Du bist sehr nett. Aber hast Du gehört, was der syrische Dichter Kusai Alibrahim über dich gesagt hat?“

„Nein, wie sollte ich es gehört haben?“

Ok, ich sage es Dir jetzt, aber sei auch Du nicht hochmütig.

„Nein natürlich nicht!“

„Er sagt: ’Die deutsche Sprache ist meine Freundin und ich werde sie bis zum Ende lieben’. Und er hat auch ein schönes Gedicht für dich geschrieben mit dem Titel ‚Eine Sprache der Zivilisation’.“

„Ich danke dir, mein Dichter-Freund. So wird unsere Freundschaft ewig dauern wie Du sagst?“

Ich: „Ja, meine liebe Freundin, wir ergänzen uns: Arabisch ist die Sprache der Gefühle, der Phantasie und der Liebe und Du, das Deutsche, bist die realistische, zivilisierte, für die Literatur geeignete Sprache.“