Der Dschungel ist hier!

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Ich bin 1986 in einem kleinen Ort in Uganda, in Kicwamba geboren. Als ich 8 Jahre alt war, starben meine Eltern. Dann wurde ich in die Hauptstadt (Kampala) von Uganda gebracht, um dort als Hausjunge für jemanden zu arbeiten. Dort blieb ich ein Jahr. Dann lief ich von dort weg, weil ich misshandelt wurde.

Danach lebte ich drei Jahre lang mit anderen Kindern auf der Straße. Die meisten dieser Kinder mussten stehlen für ihr Essen. Aber ich holte immer Wasser mit einem Kanister aus der öffentlichen Quelle und verkaufte es in einem kleinen Markt. Nach 2 Jahren konnte ich für einen Marktverkäufer arbeiten, wo ich sein Obst und Gemüse anpreisen sollte.

In diesen drei Jahren schliefen wir zum Beispiel in unfertigen Häusern oder in Video-Hallen. Wir wussten am Morgen oft nicht, wo wir am Abend schlafen würden. In dieser ganzen Zeit hatte ich nie das Gefühl, dass mir etwas fehlte oder dass ich Probleme hatte. Ich hatte nie Angst oder gefährliche Situationen. Für mich war das mein normales Leben.

1999 hatte ich genug Geld gespart, um nach Kicwamba zurückzukehren. Wenn mich heute Deutsche nach Uganda und den Gefahren dort fragen, dann erzähle ich von Löwen,  Schlangen, die in die Augen spucken, Straßendieben, verrücktem Verkehr, Malaria-Mücken, giftigem und verdrecktem Essen und Wasser. Aber als Kind war ich nie krank, ich wusste, wer oder was gefährlich war und hatte nie einen Unfall.

Dann kam ich 2014 das erste Mal nach Deutschland, um meine Freundin Julia zu besuchen. Wir kamen mit dem Auto nach Hause, stiegen aus und gingen ins Haus. Dann merkten wir, dass ich meine Tasche im Auto vergessen hatte. So rannte ich nochmal raus, aber übersah die große Glastür. Das Gute war, die Tür zerbrach nicht. Das Problem war, ich hatte Teile meiner Zähne im Mund, überall war Blut, meine Lippe hatte ein Kilo, und meine Freundin sagte, ich sehe hässlich aus. Ich habe mich so geärgert, dass mir das sofort nach meiner Ankunft passiert ist. Und nie vorher hatte ich einen Unfall!

In den zwei Jahren hier in München hatte ich immer das Gefühl, sehr vorsichtig sein zu müssen, weil es überall gefährlich ist: Elektrische Autos, die ich nicht höre, Fahrräder, die rücksichtslos fahren, aggressive Leute auf der Rolltreppe, die links überholen wollen, überall komplizierte Regulation, die ich nicht immer verstehe.

Aber das Allerschlimmste passierte mir im Januar, eine Woche vor meinem Geburtstag: es war morgens, ich war auf dem Weg zur Arbeit am Odeonsplatz und war spät dran. Die U-Bahn war schon da, uns so rannte ich die Treppe runter, um sie noch zu bekommen. Unglücklicherweise fiel mir mein Handy direkt hinter den letzten Wagon in den Gleis-Schacht. Ich wartete, bis die U-Bahn losfuhr. Auf der Anzeige stand, die nächste Bahn kommt in 3 Minuten. Also sprang ich in den Schacht, um das Handy zu holen. Eine Frau schrie: „Raus, raus, raus!!!! Was machst du da? Die U-Bahn kommt, die U-Bahn kommt!“

Ich hatte mein Handy schon in der Hand und wollte wieder nach oben springen, aber es war nicht einfach. Die Frau schrie: „Komm raus, komm raus!“, aber ich konnte nicht alleine raus. Die Frau rannte zu mir, gab mir ihre Hand und half mir raus. Ich spürte schon den kalten Wind der U-Bahn, die gerade kam. Es war in der letzten Sekunde.

Als ich in der U-Bahn saß, klopfte mein Herz und wusste, dass diese Frau mir mein Leben gerettet hatte. Leider konnte ich mich nicht bei ihr bedanken, sie ging einfach weg, irgendwo in die U-Bahn. Es war schrecklich, und ich sehe mich jedes Mal in vielen Stücken, wenn ich eine U-Bahn kommen sehe.

Ich hoffe, die Frau, die mich damals rauszog, liest diesen Artikel. Alles ging so schnell, ich erinnere mich nicht an ihr Gesicht, weiß ihren Namen nicht und konnte mich nicht bedanken. Sie hat einem Typen aus Uganda das Leben gerettet!

Das ist Deutschland, alle immer unterwegs im gefährlichen Dschungel.

Illustration: Antje Krüger

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.