Das Leben in Deutschland

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Ich will einen Teil meines Lebens in Deutschland öffentlich machen, aber nicht alles davon. Ja, das Leben in Deutschland ist anders als das Leben in meiner Heimat. Die Straßen sind zum Beispiel ganz anders als die Straßen in meinem Land. Es gibt für die Fahrräder einen eigenen Weg und für die Fußgänger auch. Die meisten Menschen halten sich an die Regeln. Pünktlichkeit ist einer der wichtigsten Dinge in einem deutschen Leben. Wenn die S-Bahn verspätet ist, regen sich viele auf. Auch die Autos sind anders; die Menschen sehen anders aus; ebenso viele Dinge. Aber auch wenn wir alle verschieden sind, so sind wir doch alle Menschen und wir haben die gleichen Rechte. Ich bin Amin, 21 Jahre, und ich komme aus Afghanistan. Seit Dezember 2013 bin ich in Deutschland. Momentan bin ich an einer Münchner Schule zur Berufsvorbereitung in der Balanstraße und ich besuche gleichzeitig einen Deutschkurs für das B2-Zertifikat.

Die Erwartungen waren hoch

In den zwei Jahren in Deutschland habe ich verschiedene Situationen erlebt, die mich manchmal betrübten, manchmal enttäuschten und mir manchmal Mut machten. Die Erwartungen, bevor man nach Deutschland kommt, sind hoch, so dass viele – und auch ich – dachten, dass mit der Ankunft in Deutschland alle Schwierigkeiten, die man in seiner Heimat und auch auf dem Weg sah und spürte, vorbei seien.

Nach einem dreieinhalbmonatigen Leben in der Bayern-Kaserne wurde ich nach Erding umquartiert, wo die größte Therme der Welt liegt. Erding ist eine schöne Stadt, aber sie war es für mich nicht von Anfang an. Mein Anteil an dieser schönen Stadt war ein Container, in dem ich mit neun anderen Flüchtlingen leben sollte. Das Leben im Container war ein Albtraum für mich, den ich niemals vergessen kann, wie meine anderen Albträume, die ich auf dem Weg erlebt habe.

Trotz der schlechten Bedingungen im Container schaffte ich das B1-Zertifikat an der Volkshochschule Erding. Mein Deutsch wurde viel besser und ich konnte manche Texte lesen. Ich las eine Broschüre, die von Ehrenamtlichen gemacht wurde. Ich las darin von den Vorurteilen mancher Deutschen. Sie sagten, dass die Flüchtlinge in schicken Häusern und Fünf-Sterne-Hotels leben würden. Ich dachte, vielleicht meinten sie den Container mit dem Fünf-Sterne-Hotel, aber ich wusste nicht, wofür die fünf Sterne stehen. Ich habe sie anderthalb Jahre nicht sehen können.

Es gab Menschen, dir mir halfen. Da waren z. B. Angelika H., eine Mitarbeiterin der Post, und Jens L., der bei Siemens arbeitet, die mich gesehen und mich unterstützt haben. Nach ungefähr 18 Monaten im Container bin ich mit Hilfe von ehrenamtlich tätigen Menschen in ein Haus umgezogen, in dem ich nur mit einer Person zusammen wohne.

Ich kann ein förderlicher Mensch sein

Jetzt stehe ich kurz vor Beginn meiner Ausbildung als Elektroniker für Automatisierungstechnik im Bereich „Building Technologie“, die am 1. September 2016 beginnt, und zwar bei dem großen deutschen Unternehmen Siemens. Die Genehmigung für meine Ausbildung bekam ich am 30. November 2015, knapp zehn Monate, bevor ich meine Ausbildung beginnen werde. In zwei Wochen werde ich aber noch mein Interview beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge haben…

Mein Traum wäre es, später einmal an einer deutschen Universität zu studieren, denn ich will eine Chance, etwas sehr Gutes aus mir zu machen. Ich kann ein förderlicher Mensch sowohl für meine Familie als auch für diese Gesellschaft sein. 

Illustration: Johanna Baader

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.