Aus dem Roman »Blut statt Almosen«

Ahmad, ein junger Pakistani, der seit einiger Zeit in Berlin lebt, erhält einen verzweifelten Anruf aus seiner Heimat: Seine Tante berichtet ihm, dass ihr Sohn Ahsan spurlos verschwunden ist, alle Nachforschungen der Familie sind im Sande verlaufen. Ahmad stand noch kurz zuvor in Kontakt mit seinem Cousin, mit dem ihn seit Kindertagen eine innige Freundschaft verbindet – und ahnte schon, dass dieser im Begriff war, eine große Dummheit zu begehen. Kurzentschlossen fliegt Ahmad deshalb nach Karachi, um sich auf die Suche nach Ahsan zu machen. Ein gefährliches Unterfangen, wie sich bald herausstellen wird. Aus dem Wunsch, seine Familie zu unterstützen, wird ein Abenteuer, dessen Ausgang völlig ungewiss ist – ein spannender Roadtrip durch Pakistan, mitten hinein in höchst riskante Gefilde.

Ahsan flog mit seiner Frau von Islamabad aus nach Peshawar, dort wurden sie von vier jungen Menschen abgeholt. Diese Männer, die seine Frau als ihre Cousins bezeichnete, kannte Ahsan natürlich nicht. Sie hatten einen großen Pajero, einen Geländewagen, mit. Wie auch andere, und überhaupt alle Männer der Familie seiner Frau, trugen auch sie große Bärte. Als Ahsan ins Auto einstieg, konnte ihm nicht verborgen bleiben, dass unter den Vordersitzen einfach so zwei Kalaschnikows rumlagen.

Ahsan nahm das nicht so ernst, er dachte, hier draußen, weit außerhalb der Hauptstadt, insbesondere in den freien Territorien haben die Jungs immer solche Gewehre bei sich. Es ist auch ein Symbol des Stolzes, aber dient zum Teil auch zum Schutz der einzelnen Menschen, dass sie Waffen tragen. Der Geländewagen fuhr weiter, alle waren ruhig, und bald war das Auto außerhalb der Stadt Peshawar.
Das Auto fuhr etwa fast eine Stunde lang auf einer bereiten Straße, bis diese Straße in eine kleine Straße mündete. Erst war das Gelände etwas hügelig, und bald folgten gebirgige Ortschaften. Das Auto fuhr nun auf einer ganz schmalen Straße, die einen Berg aufwärts verlief.

Letztendlich trafen Ahsan, seine Frau und die beiden Cousins in einem Dorf ein. Das Auto fuhr in ein riesiges Arial rein. Vorher gab es auch triviale Eingangssperrungen, die Menschen allerdings, die an solchen Kontrollpunkten saßen, waren sofort aufstanden und öffneten die Schranken per Hand, als der Fahrer des Autos vor den Schranken stoppte. Die Menschen, die an solchen Kotrollpunkten saßen, kannten die beiden Cousins.

Am Ende wurde das Auto in einer überdachten Veranda angehalten. Ein Junge eilte zum Auto, öffnete die Autotür und ließ alle Insassen aussteigen. Eine Hausdienerin kam aus dem Haus heraus und begrüßte Zainab ganz höflich und nahm auch ihre Handtasche entgegen und bat Zainab in eine Richtung. Sie lief in Richtung des gegenüberliegenden Hauses, und Zainab lief auch mit ihr zusammen, ohne etwas zu sagen. Ahsan sah nur zu.
Ahsan ging zusammen mit beiden Cousins ins Haus hinein. Kurz darauf saßen sie in einem Wohnzimmer, umgeben von vielen Männern. Zu seinem Erstaunen waren dort alle, aber auch wirklich alle, Männer anwesend, die er schon mal bei der Hochzeit gesehen hatte.
Es kam ihm sehr merkwürdig vor, dass darunter auch der Vater seiner Frau war.
Er hat nicht verstanden, warum alle nochmals dort zusammengetroffen waren.

»Als Ahsan ins Auto einstieg, konnte ihm nicht verborgen bleiben, dass unter den Vordersitzen einfach so zwei Kalaschnikows rumlagen.«

Bald wurde ein großer Tisch gedeckt. Es wurden zahlreiche Speisen und Gerichte serviert. Viel Obst, Gemüse und zahlreiche Getränke wa­­ren auf dem Tisch. Nach dem Essen wurde ein gemeinsames Nachmittagsgebet verrichtet. Der Nachmittag verging so, die ganze Zeit umgeben von vielen Männern. Ahsan wartete darauf, dass er einmal kurz Zeinab sehen konnte oder sich mit ihr einmal etwas unterhalten konnte.
Auch abends wartete er vergeblich darauf. Ahsan hatte seine Frau, nachdem er hierher kam und sie mit der Hausdienerin im Inneren des Hauses verschwand, nicht einmal kurz gesehen.
Es vergingen mehrere Tage, aber Ahsan konnte seine Frau nicht sehen. Zainabs Vater war auch weiterhin da. Er konnte aber auch ihn nicht fragen, wo Zainab ist und warum er seine Frau nicht sehen kann. Er schämte sich einfach, danach zu fragen. Oft hat er daran gedacht, ihren Vater nach ihr zu fragen, dann hat er es aber sein lassen. Er war allerdings sehr unruhig. Die Männer ließen ihm auch keine Möglichkeit, nach seiner Frau zu suchen. Den ganzen Tag war er mit anderen Männern unterwegs. Frühmorgens nach dem Morgengebet und Frühstück musste er in Begleitung seines Schwiegervaters und vieler anderer Männern rausgehen.

Sie alle sammelten sich auf einem freien Gelände, und dort wurden Schießübungen gemacht. Anfangs war Ahsan sehr zögerlich, er wurde von den anderen ausgelacht, dass er als Mann kein Gewehr benutzen könne und nicht schießen gelernt hat. Unter solchem Zwang hat er dann schließlich auch angefangen, die Schießübungen mitzumachen. Er konzentrierte sich, und bald konnte er auch die Zielscheiben treffen.
Zainabs Vater hatte immer ein volles Programm für den Tag. Sie alle hatten außer Schießübungen auch weitere Drills, Kampfübungen, und wurden auch auf anderen Maschinengewehren regelrecht ausgebildet. Es wurde Reitunterricht erteilt, mit Schwertern und Stöcken geübt. Und das nicht nur für einen Tag oder für ein paar Tage, sondern es war ein richtiges Training.

Es vergingen mehrere Wochen, Ahsan war es nun sehr suspekt, er glaubte gar nicht, was ihm alles widerfahren war. Er geriet in tödliche Verzweiflung. Ihm war bald klar geworden, dass er tatsächlich, wie Ahmad befürchtet hatte, reingelegt worden war. Das Treffen mit Zainab, die Liebeserklärung, die Heirat und bis zu diesem Trainingscamp war wahrscheinlich alles vorausgeplant. Diese Gedanken machten ihn richtig wütend. Er war auch ganz schön nervös.

Wenn nicht auch Zainabs Vater dort anwesend gewesen wäre, hätte er gedacht, dass seiner Frau etwas passiert sei und diese Leute hätten mit ihrem Verschwinden etwas zu tun. Aber ihn machten die Gedanken auch richtig krank, dass Zainab vielleicht gar nicht seine richtige Tochter ist. Sondern dass dieser Mann ihm etwas vormacht. Sie war wohl nur ein Mitglied dieser Organisation und hatte vielleicht die Aufgabe, Ahsan zu vermitteln.
Er war in diese Organisation reingerutscht und hatte keine Ahnung, wie er rauskommen würde. Er war hier quasi ein Gefangener, und falls es ihm irgendwann gelingen würde, von diesem Ort wegzugehen, wusste er nicht, wie er aus dieser abgelegenen Gegend, weit weg von einer Stadt, wegkommen würde. Diese Leute würden ihn gar nicht so einfach gehen lassen, das war ihm auch klar.

Artikel teilen?

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on whatsapp
WhatsApp
Share on pinterest
Pinterest

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.