Mutter und Sohn – Ein „altes“ kurdisches Märchen

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Auf Deutsch erzählt von Ali und Basam aus dem Irak

Es war einmal ein Junge. Er war wirklich beliebt und alle wollten mit ihm zusammen sein. Doch seine Mutter hatte nur ein Auge und war die Putzfrau der Schule. Deshalb wollte er nicht mit ihr gesehen werden. Doch eines Tages wollte sie endlich mal die Noten von ihm wissen und kam in seine Klasse. Alle sagten zu ihm: Hey H. H., ist das deine Mutter? Das war für ihn echt peinlich, weil seine Mutter ja nur ein Auge hatte. Er hasste sie dafür und wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Als er achtzehn wurde, zog er aus und hatte Frau und Kinder. Er hat nie mehr mit seiner Mutter geredet.

Eines Tages wollte die Mutter ihn besuchen. Als sie klingelte, machten seine Kinder auf und schrien „Hilfe, Papi, ein Monster!“. Er schrie sie an und sagte, sie solle verschwinden. Eine Woche lang hatte er deshalb Albträume. Er wollte sich bei ihr entschuldigen. Als er klingelte, machte niemand auf. Ihm fiel auf, dass der Rasen im Vorgarten nicht gemäht war und fragte die Nachbarn. Einer sagte: „Du weißt es noch nicht? Deine Mutter ist gestorben. Sie hat dir einen Zettel hinterlassen.“

Er las den Zettel, auf dem stand:

„Mein Sohn. Du hast mich immer gehasst und verachtet. Ich dagegen habe dich immer geliebt. Ich wollte nur das Beste für dich. Doch ich muss dir etwas gestehen. Als du vier warst, hatten du und dein Vater einen Autounfall. Dein Vater starb und du verlorst ein Auge. Ich wollte nicht, dass du in der Schule gemobbt und gehänselt wirst, also gab ich dir mein Auge. Du hast die ganze Zeit die Welt durch mein Auge gesehen. Ich liebe dich, deine Mutter.“

Illustration: Antje Krüger

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.