Alle Araber sind reich! Oder: Wie man Brücken zwischen Kulturen baut

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Jede Kultur hat ihre Eigenheiten. Wer sich dazu entschlossen hat, im Ausland zu arbeiten, zu leben oder zu studieren, der muss sich mit der Frage befassen, was darf ich machen und was nicht. Darüber hinaus bleibt die Angst davor, in Fettnäpfchen zu treten. Vorurteile sind schwer zu entkräften. Dann heißt es schnell: Italiener essen 24 Stunden Pizza, Araber sind reich, Afghanen hören rund um die Uhr Musik, Afrikaner essen jeden Tag Reis, Deutsche trinken Bier. Die syrische Kultur ist ganz anders als die deutsche. Als ich ankam, fiel es mir anfangs schwer, gewisse Dinge zu akzeptieren oder sogar zu verstehen, und ich fragte mich ständig: „Wieso ist das so?“ 

Am Anfang empfanden mich die Deutschen als unhöflich, weil ich immer mit Menschen redete, ohne in die Augen des Gegenübers zu schauen. Sie wussten leider nicht, dass es in meiner Heimat ganz anderes ist und dass wir Syrer uns ungern direkt in die Augen schauen. Stattdessen verwenden wir Körpersprache. Infolgedessen glauben viele Menschen, dass wir nicht vertrauenswürdig oder einfach nicht freundlich sind. Aber das ist noch nicht alles: Wir Syrer reden manchmal ziemlich laut. Das empfinden viele Deutsche als extrem störend. Jeder Mensch hat seine eigenen Gewohnheiten und verhält sich dementsprechend. Um die Kultur eines Landes kennenzulernen, ist es deshalb extrem hilfreich, jemanden zu finden, der die Verhaltensweisen der Menschen erklären kann.

Illustration: Hugo Carrillo, Mexiko

 Julia Halm hat 2016 ein gemeinnütziges Projekt namens BrückenBauen ins Leben gerufen und ich bin dort als Kulturmoderator tätig. Aber wie kam ich dazu? Als ich einen Deutschkurs bei students4refugees an der Ludwig-Maximilians-Uni in München besuchte, führte BrückenBauen einen Workshop durch, in dem Julia von deutscher Kultur sprach. Sie bat uns, Bilder zu zeichnen und darum, kurz unsere Kultur vorzustellen. Ich fand das total spannend und merkte, wie viele Unterschiede es zwischen der syrischen und deutschen Kultur gibt, die ich vorher nie bemerkt hatte. Von da an fasste ich den Entschluss, bei dem Projekt BrückenBauen als Kulturmoderator aktiv zu werden. Die Qualifizierung zum Kulturmoderator dauerte drei Tage. Positiv überrascht wurde ich davon, dass viele verschiedene Nationalitäten vertreten waren: Sierra Leone, Syrien, Deutschland, Iran, Irak, Ägypten.

Am ersten Tag mussten wir uns aktiv mit Fragen zur Kultur beschäftigen und auseinandersetzen. Wir starteten mit einer Fotorallye, von der wir Fotos von unterschiedlichen Gegenständen mitbrachten: Breze, Bier, Haltestelle, Post, Fahrrad etc. Hinter all diesen Gegenständen steckten tiefere Bedeutungen, wie zum Beispiel Pünktlichkeit, Stolz und Sauberkeit.

Am zweiten Tag lernten wir Grundlagen des Dolmetschens. Dieser Tag war informativ und ich wurde mir über ein paar Fehler klar, die ich im Vorfeld bei Übersetzungen für Flüchtlinge gemacht hatte.

Am dritten Tag lernten wir Tricks für gekonntes Präsentieren und die dazu gehörige Körpersprache. Durch die Schulung erkannte ich, dass ich in meiner neuen Rolle als kultursensibler Sprachmittler anders mit Menschen umgehen muss. 

Nun ist es meine Aufgabe, Brücken zwischen meiner eigenen und der deutschen Kultur zu bauen. Diese Rolle als Vermittler macht mich sehr stolz und ich freue mich, meine Erfahrungen teilen zu können. 

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.