Wir sind nicht allein

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Vom Umgang mit Trauer im Islam

Jemand, der trauert ist einsam, appetitlos und hat ein schlechtes Immunsystem. Es gibt im Leben verschiedene Gründe zu trauern. Es kann sein, dass man eine wichtige Person verloren hat, zum Beispiel seine Mutter, seinen Vater, seine Frau oder einen guten Freund. Es kann auch sein, dass man seine Geschwister verloren hat.
Wenn man eine Person verliert, trauert man normalerweise. Eine starke Trauer kann im Extremfall sogar zu einer Depression führen. Manche Menschen, die sehr stark trauern, können sogar daran sterben, wenn sie den Stress, den die Trauer mit sich bringt, nicht gut aushalten.

Familie, Freunde und unser Glaube helfen uns

Hier stellt sich die entscheidende Frage: Wie können wir, als Menschen, die wir aus Kriegsgebieten stammen, trotz des Verlustes der Familie oder eines Familienmitgliedes, den Stress und den Schmerz aushalten?
 In dieser Situation spielt die Familie eine große Rolle, sie hält zusammen und lässt einen nicht im Stich. Außerdem gibt es die Nachbarn und die Freunde, die wie eine zweite Familie sind. Was uns auch sehr hilft, ist der Glaube. Wir glauben sehr stark an Gott und wir wissen, dass er da ist und uns hilft. Seit unserer Kindheit lernen wir, dass wir alle sterben müssen und dass allein Gott bleibt. Außerdem gibt es viele Geschichten im Koran, die darüber berichten, wie die Propheten vieles verloren haben. Doch Gott hat sie belohnt, denn sie waren geduldig.
Die Trauer dauert im Islam drei Tage. Es kommen viele Familienmitglieder und Bekannte, um die trauernde Person in Zeiten ihres Verlustes zu unterstützen. Sie zeigen ihr, dass sie nicht allein ist und dass sie auch alle da sind. Daher muss sie nicht verzweifeln, denn sie weiß, sie hat eine Familie und gute Freunde. Und sie weiß, dass es Menschen gibt, die sie lieben.

Jeder erlebt die Trauer jedoch auf seine Art und Weise. Es gibt auch Trauernde, die die Vernunft und die Verbindung zur Realität verlieren. Sie können es sich nicht vorstellen, ohne die geliebte Person weiterzuleben.

Hierzulande machen viele aus einer Mücke einen Elefanten

In Deutschland fühlen die Menschen sich teilweise einsam und empfinden sehr schnell Stress. Viele machen aus einer Mücke einen Elefanten. Außerdem glaubt gut die Hälfte der Gesellschaft an nichts. Daher ist die Situation hierzulande noch schlimmer. Man braucht irgendwie diesen Glauben daran, dass es jemanden gibt, der unser Leben, unsere

Erlebnisse und Begegnungen lenkt und leitet. Dass er immer bei uns ist, egal was passiert. Auch wenn alle Menschen auf der Welt uns im Stich lassen, er bleibt da.

Viele Geschichten im Koran handeln vom Verlust und helfen die Trauer zu überwinden. Foto: Tayeb Mezahdia

Ich selbst habe so vieles verloren, unter anderem meine zwei Brüder, mein Land, meine Universität, viele meiner Ziele und Träume. Dennoch gab ich nicht auf. Bestimmt war ich traurig, wütend und hatte Angst, aber ich fühlte mich trotz des Verlustes nicht alleine. So sicher wie eine Hand fünf Finger hat glauben wir daran, dass Gott uns dafür mit Gutem entschädigen wird. Wir müssen nicht zum Psychiater gehen, denn wir haben Allah.

Wir reden mit unseren Freunden über Verlust und Gefühle

Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass wir es nicht für eine Schwäche halten, wenn Trauernde weinen oder mit Freunden und anderen Menschen über ihre Gefühle reden wollen. Man braucht manchmal gar keinen Psychiater, man braucht viel eher seine Freunde, seine Familie und Menschen um sich, die ein Herz haben. Menschen, die genau zuhören und verstehen. Dafür braucht man kein Experte zu sein. In Deutschland gibt es für jede Sache einen bestimmten Experten und Berater. Doch nicht immer haben sie die richtige Lösung. Manchmal machen sie es komplizierter mit ihren Medikamenten und Empfehlungen. Die richtigen Personen um einen herum können den großen Schmerz, den man empfindet, wenn ein vertrauter Mensch stirbt, lindern.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.