Shirin und meine Mutter

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Diese Geschichte ist über meine Mutter. Sie kann kaum lesen und schreiben. Deswegen möchte ich diese Geschichte erzählen, die sie mir erzählt hat.

Als ich ein Kind war, kannte ich Shirin. Wir sind in einem Dorf aufgewachsen. Unser Dorf war klein, aber schön. Dort waren viele Häuser aus Ton, die Dächer hatten Kuppeln und die Straßen waren schmal. Alle Familien kannten sich. Shirins Familie und wir waren Nachbarn. Sie hatten sieben Kinder (sechs Jungen und eine Tochter). In Afghanistan ist es normal, dass eine Familie viele Kinder hat. Shirin war die einzige Tochter in ihrer Familie. Trotzdem mochte ihre Familie sie nicht sehr, weil sie ein Mädchen war. Als ich sieben Jahre alt war, verstand ich den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen nicht. An einen Tag kann ich mich aber gut erinnern. Ein paar Leute vom Trainingszentrum kamen und wollten, dass alle Kinder zur Schule gehen. Sie wollten uns anmelden.

Im Dorf erlaubte nicht eine Familie ihren Töchtern, zur Schule zu gehen. Sie hielten das für ein Tabu, dass Mädchen zur Schule gehen, lesen und schreiben lernen. Leider haben sie so gedacht, dass Töchter nicht zu lernen brauchen. Was haben die Familien im Dorf gemacht? Sie haben zum Beispiel zum Trainingszentrum gesagt: „Unsere Tochter ist geistig zurückgeblieben, wir haben keine Tochter.“ Und einige verheirateten ihre Töchter, damit sie nicht zur Schule gehen konnten. Diese Mädchen waren manchmal erst sieben oder acht Jahre alt.

Zum Glück gehörten Shirin und ich nicht zu denen, die mit sieben oder acht Jahren heiraten mussten. Trotzdem konnten wir nicht zur Schule gehen und lernen, sondern wir haben viel gearbeitet: in der Landwirtscha, beim Kochen, Backen, Teppich weben. Oder wir mussten kleine Kinder hüten. Wenn Shirin und ich etwas Zeit finden konnten, sind wir zum Brunnen gegangen, haben dort gespielt und über unsere Träume gesprochen. Da waren wir, glaube ich, 13 oder 14 Jahre alt. Shirin, ein Mädchen mit schwarzen Augen, wurde jeden Tag hübscher. Manchmal flocht ich ihre langen Haare.

Es war im Frühling. Das Wetter war nicht so warm, obwohl die Sonne schien. Aus einer anderen Stadt kamen der Cousin von Shirins Vater und seine Familie. Sie blieben einen Monat. Leider ist nichts Gutes passiert! Der Cousin von Shirins Vater sagte diesem: „Ich will deine Tochter heiraten.“ Weil er reich war, willigte Shirins Vater ein, obwohl dieser Mann schon eine Frau und Kinder hatte.

Illustration: Antje Krüger

Nach diesen Tagen sind Shirin und ihr Mann – er schaute wie mein Vater aus, war ungefähr 40 bis 45 Jahre alt – in eine andere Stadt, nach Mazar-Sharif, geritten. Shirin und ich haben viel geweint. Das war ein sehr trauriger Tag. Nach Shirins Abschied war ich alleine und alle haben im Dorf zu meiner Mutter gesagt: „Warum heiratet deine Tochter nicht?“ Ich hatte immer Angst, dass meine Eltern mich mit jemandem verheiraten. Leider war es so: Wenn jemand um die Hand einer Tochter anhielt, musste man ihn heiraten.

Ich lernte aber selbst einen netten Jungen kennen. Er war der Freund meines Bruders. Er kam manchmal zu uns nach Hause. Er wohnte mit seiner Mutter und seinen kleinen Brüdern in einem anderen Dorf. Wir lernten uns langsam kennen. Ich habe viel an ihn gedacht. Er war der Einzige, der nett, attraktiv und gut angezogen war. Er war viel gereist und hatte viel gesehen. Eines Tages, als ich zum Brunnen ging, kam er. Dort hat er mir gesagt, dass er mich heiraten will und mich liebt. Es war mir peinlich, aber ich war glücklich. Nach einer Woche ist er mit seiner Familie zu uns nach Hause gekommen. Leider stritten mein Vater und meine Brüder mit ihm, weil er ein Fremder war. Familien wollten ihre Tochter keinem fremden Ehemann zur Frau geben. Meine Eltern wollten mich, wie Shirin, mit einem Cousin verheiraten.

Deswegen habe ich mit Taghi vereinbart, in eine andere Stadt zu ziehen. Wir liebten uns und ich wollte mein Leben mit jemandem verbringen, den ich liebte. Ich wollte nicht wie Shirin ohne eigene Zustimmung oder Liebe mit einem Mann zusammenleben! Ein Jahr nach Shirins Abschied fuhr ich früh am Morgen im Sommer mit Taghi nach Mazar-Sharif. Ich habe meine Familie für immer verlassen. Das war sehr gefährlich für mich. Denn meine Brüder hatten meinem Vater versprochen, dass sie mich töten, wenn sie mich finden. Das erzählten mir Verwandte. Zum ersten Mal war ich in einer großen Stadt. Im Dorf kannten sich alle, aber hier nicht. Am Anfang war alles schwierig: Wir mussten in einem kleinen Zimmer leben und mein Mann musste viel arbeiten. Aber wir waren immer zufrieden. Ich wusste, dass Shirin auch in Mazar wohnte. Deswegen habe ich immer wieder nach ihr gesucht. Schließlich konnte ich eine Adresse von ihr bekommen. Eines Tages ging ich mit meinem Mann dorthin. Als wir dort ankamen, wollte uns niemand reinlassen. Und ich wollte doch so gern meine Freundin sehen! Zuletzt habe ich in einem Zimmer mit rotem Teppich und vielen Vorhängen auf Shirin gewartet: Das ist Tradition in Afghanistan. Nach einigen Minuten ist Shirin gekommen. Wir haben uns umarmt und viel geweint. Ich konnte nicht glauben, dass sie Shirin war! Sie sah sehr alt aus. Als ich sie gefragt habe: „Was ist mit dir los? Wo ist die hübsche Tochter?“, hat sie geweint und mir schlimme Dinge erzählt.

Das Leben mit der Schwiegermutter, dem Ehemann und der ersten Frau des Mannes, die sie nie verstanden, war furchtbar. Sie sagte: „Als ich im Winter nicht gleichzeitig arbeiten konnte, weil ich schwanger war, musste ich alle Kleider für die ganze Familie mit kaltem Wasser waschen. Wenn ich es nicht machte, durfte ich nicht essen. Viele Male hat mein Mann mich grundlos geschlagen.“ Sie konnte nur weinen. Shirin war krank, sie hatte schlimmen Husten. Ich konnte nicht glauben, dass das einst glückliche Mädchen so traurig und alt geworden war.

Shirin ist drei Monate, nachdem ich sie gesehen habe, an Tuberkulose gestorben. Ich habe für immer meine Freundin verloren. Nach ihrem Tod war Mazar für mich nicht mehr zu ertragen. Deswegen, und weil ich von meiner eigenen Familie verfolgt wurde, sind wir in den Iran gegangen und haben dort ein neues Leben mit unseren Kindern angefangen. Ich bin froh, dass ich Taghi geheiratet habe. Vielleicht bin ich die einzige Tochter, die das ohne Erlaubnis tat. Ich habe meinen Kindern beigebracht, dass sie immer frei denken. Nur das ist richtig!

Was ich denke ist: Armut hat keine große Auswirkung, aber leider leidet meine Gesellschaft an kultureller Armut. Es gibt noch Mädchen wie Shirin. Mädchen, die nicht in die Schule gehen dürfen oder früh heiraten müssen. Diese Mädchen leben neben Männern und Vätern, die nicht wissen, was eine Frau bedeutet. Ich hoffe, auf mehr Freiheit für Frauen in meinem Land!