„Ich war sauer.“

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Sie fragen sich, warum? Das erzähle ich Ihnen, aber ein bisschen später. Ich fange meine Geschichte ein wenig früher an. Ich heiße Shakir Qarar und komme aus Afghanistan, aus Kunar. Das liegt im Osten. Ich war dort mit meinen Vorlesungen in Englischer Literatur an der Nangarhar Universität beschäftigt. Al- les war normal. Auf der Straße Angst zu haben, ist in Afghanistan normal. Alle haben das Problem, auch die großen Politiker. Nach einem Anschlag auf das Hostel der Universität habe ich in einem kleinen Zimmer ein bisschen weiter draußen gewohnt.

Für das Visum musste ich nach Pakistan

Ich war nicht sehr glücklich und doch glücklich in meinem Heimatland. Meine Familie war gesund, ich habe studiert. Alle in meiner Familie sind oder waren Akademiker. Ich habe trotzdem 2016 einen Antrag für ein Visum an der Deutschen Botschaft in Kabul gestellt. Hier will ich nicht mehr erzählen, aber es ist sehr schwer, meine Probleme in Afghanistan zu lösen. Sehr spät, im November 2018, habe ich einen Anruf von der Botschaft erhalten. Eine Frau hat mir am Handy gesagt: „Kommen Sie zur Botschaft. Ihr Visum ist schon bereit.“ Zu diesem Zeitpunkt musste ich nach Islamabad in Pakistan fahren, um das Visum von der Deutschen Botschaft zu bekommen. Nach dem Bombenanschlag im Mai 2017 war die Visumsabteilung in Kabul geschlossen. Ich war ein bisschen glücklich und ein bisschen traurig über mein Visum. Ich war traurig, weil ich meine große Familie und alle Kindheitsfreunde, meine Universität und meine Pläne zurücklassen musste. Es ist nicht gut, etwas mittendrin abzubrechen und es war auch für mich nicht gut. Ich war glücklich, weil ich in ein neues Land, an der Seite von meinem lieben Vater für ein neues Leben fliegen konnte. Mein Vater hatte große Probleme in Afghanistan gehabt und war schon ungefähr vier Jahre zuvor nach München gekommen. Als ich in München angekommen bin, waren er und ein Freund meines Vaters am Flughafen, um mich abzuholen. Es war November 2018. Es war kalt und alles war anders für mich. Ein neues Land, eine neue Stadt und eine neue Sprache. Ich war sauer – weil ich nicht Deutsch sprechen konnte. Die Leute haben miteinander gesprochen, aber ich konnte nichts verstehen. Ich wollte verstehen, was die Leute sagen und was in der S-Bahn passiert, zum Beispiel „Zurückbleiben, bitte!“ und viele andere Sätze wollte ich verstehen und konnte es nicht. Ich konnte zwar auf Englisch meinen Weg finden und meine Probleme lösen, aber ich wollte nicht Englisch sprechen. Damals fühlte ich mich nicht gut. Aber wenn ich damals nicht so sauer gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nicht so schnell Deutsch gelernt. Ich habe mit meinem Vater angefangen, Deutsch zu lernen. Mein Vater ist sehr gut in Deutsch. Mein Vater war auch früher mein Lehrer und ich habe viel von ihm gelernt.

Meine ersten Tage waren sehr anstrengend. Ich musste zum Kreisverwaltungsreferat, zur Ausländerbehörde, zur AOK, zum Jobcenter, zur Sparkasse und viele Papiere ausfüllen. Meine Lehrerin hat gesagt. „Sie sind eine Woche in Deutschland und haben zwei Kilo Papier.“ Ich habe eine Prüfung für den Deutschkurs gemacht und mich selbst für einen Integrationskurs beim Münchner Verein „Initiativgruppe – Interkulturelle Begegnung und Bildung e.V.“ angemeldet. Das war kurz vor den Weihnachtsferien, der Kurs hat im Januar begonnen. Ich hatte noch Zeit und die Möglichkeit, einen Ausflug zu machen und München kennenzulernen. Es war kalt und ich war allein und daher war mein Spaziergang nicht so schön. Ich war im Olympiapark, im Tierpark und viel im Zentrum spazieren.

Am 28. Januar 2019 hat unser Deutschkurs angefangen. Ich war nicht gut darin, Straßen in München zu finden und trotzdem habe ich die Deutschkurs-Adresse in Google Maps gefunden. Als ich ins Klassenzimmer reinkam, hatten alle ihren Namen mit Marker auf ein Papier geschrieben. Anna, sie ist aus Griechenland, war die erste Schülerin, die mir einen Marker gegeben hat, um meinen Namen zu schreiben. Am ersten Tag haben wir uns vor allem vorgestellt. Ich habe später alle Schüler genauer kennengelernt und einen Freund in der Klasse gefunden. Er ist jetzt mein bester Freund, wir sitzen nebeneinander und manchmal treffen wir uns in der Stadt. Er heißt Ramadan und kommt aus Bulgarien. Wir sind 15 Schüler, alle sind sehr nett und lustig und kommen aus verschiedenen Ländern, aus Bulgarien, Palästina, Eritrea, Griechenland, Vietnam, Spanien und Afghanistan. Unser Unterricht ist manchmal ein bisschen einfach und oft auch sehr schwer.

Seit Januar lernt Shakirullah deutsch. Die Artikel bereiten ihm nach wie vor Kopfschmerzen.

Ich bin meinem Vater sehr dankbar

Eine neue Sprache zu lernen ist nicht einfach, nicht nur für mich, sondern für alle, wenn man die deutschen Wörter nicht gehört oder gelesen hat: die bestimmten Artikel, Dativ und Akkusativ, was ist maskulin und feminin, das ist schwer. Da wir eine gute Lehrerin haben, haben wir schnell gelernt. Ich habe mich gefreut, dass ich die beste A1-Prüfung geschrieben habe. Dafür bin ich auch meinem Vater und meinem Deutschkurs dankbar. Jetzt haben wir A2 neu angefangen. In der Klasse sind alle gut. Es ist ein bisschen schwer, „draußen“ die Leute zu verstehen, aber ich versuche es. Wer mit mir spricht, muss es manchmal zwei- oder dreimal wiederholen, bis ich es verstehe.

Und was werde ich in Deutschland machen? Ich sage es Ihnen. Bis jetzt habe ich noch nichts genau geplant, aber ich möchte unbedingt studieren oder eine Ausbildung machen, um weiterzukommen und eine gute Stelle zu finden und zu arbeiten.

Schön, dass Sie bis hierhin gelesen haben. Ich hoffe, Sie sind nicht müde. Ich beende meine allererste Geschichte hier. Noch kann ich nicht so gut auf Deutsch schreiben. Wenn ich mehr Deutsch gelernt habe, möchte ich Ihnen mehr über ein anderes Thema schreiben.