Europa ist kein Paradies

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Dies glauben viele Kongolesen über Europa

Manche Afrikaner riskieren an Europas Grenzen ihr Leben, weil sie hoffen, hier eine bessere Zukunft zu haben. Eine gefährliche Illusion, meint Judith Liyeye. Sie appelliert an ihre Landsleute, in der Heimat zu bleiben. Foto: Gerd Altmann

Ich heiße Judith Liyeye, bin 28 Jahre alt und stamme aus der Demokratischen Republik Kongo. Ich habe daheim viele Leute erlebt, die von Europa träumten, als wäre das der einzige Weg, um ein erfolgreiches Leben zu führen. Darum möchte ich meine Landsleute dazu aufrufen, nicht auf dem Mittelmeer ihr Leben zu riskieren für eine Illusion. Und deshalb schreibe ich für sie auf Facebook, wie es in Europa wirklich ist.

Ich kannte Leute im Kongo, die glaubten, sie könnten in Europa mit ein paar Gelegenheitsarbeiten ein gutes Leben führen. Sie dachten, in Europa könnten sie so leben, wie sie es sich immer erträumt hatten, und es kursierten die unsinnigsten Gerüchte, z.B. dass das kalte Klima in Europa den Teint schön hell werden lässt, und dass der Himmel immer blau ist und die Welt hier in den schönsten Farben erstrahlt. Manche redeten von den Städten und Boulevards in Europa, als wären sie dort gewesen. Und aus diesen Illusionen heraus wollen sie eines Tages dorthin, koste es, was es wolle.

Der Alltag ist hart: Man arbeitet wie verrückt, ohne das Leben wirklich genießen zu können, viele machen Schulden, man kämpft ständig mit der Bürokratie.

Vor allem die Männer beklagen sich Tag für Tag, bei ihnen gibt es überhäufig viele Herzinfarkte und Depressionen. Ich höre von vielen Kongolesen, wie schwer es ist, sich an die andere Kultur anzupassen. Denn die Männer erleben hier, dass ihre soziale Rolle sich grundlegend geändert hat: sie sind nicht mehr das Oberhaupt der Familie, sie haben ihre Autorität verloren und glauben, dass ihre Frauen sie nicht mehr achten und vor allem, dass die Kinder ihnen entgleiten.

Es dauert mindestens drei bis sechs Jahre, um sich hier in die Kultur einzufügen, und in dieser Zeit werden viele seelisch krank. Worunter ich anfangs besonders gelitten habe und was noch immer oft schwer für mich ist: die Einsamkeit. Ich habe mich völlig verlassen gefühlt, und ich weiß von anderen Landsleuten, dass es vielen so geht, Männern wie Frauen.

„Und aus diesen Illusionen heraus wollen sie eines Tages dorthin, koste es, was es wolle.“

Ich habe niemals von Europa geträumt. Ich habe im Kongo mein Diplom als Krankenschwester gemacht und wollte in diesem Beruf weiterhin arbeiten, wollte heiraten und Kinder haben und höchstens mal als Touristin nach Europa reisen. Aber dann musste ich flüchten, weil ich mich politisch betätigt hatte. Ich kam ins Gefängnis, und nach meiner Entlassung drohte mir eine erneute Verhaftung.

Aber als ich dann angekommen war in diesem Europa, für das so viele Menschen ihr Leben riskieren, wenn sie versuchen, es über das Meer zu erreichen, da habe ich gesehen, dass es hier für die Mehrheit der Kongolesen kein Paradies ist, insbesondere nicht für die Männer.

Selbstverständlich hat Europa auch gute Seiten: Wir haben hier zu essen und zu trinken, die Menschen helfen dir, es gibt Gerechtigkeit, und das Gesundheitswesen ist einzigartig. Wenn in unserem Land die politische Ordnung wiederhergestellt ist, werden wir nicht zögern, in unser Land zurückzukehren.

Mein Traum ist, hier in Deutschland noch mehr in meinem Beruf zu lernen und eines Tages wieder in meinem Land als Krankenschwester zu arbeiten.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit NeuLand-Redakteurin Gisela Framhein.

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.