Die Farbe des Regens

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Ich habe einen einsamen Mann gesehen. Er läuft durch die Stadt mit grauen, müden Augen. Wenn ein Kind vor seinem Gesicht lächelt, bleibt er still und lächelt nicht zurück, obwohl das Kind sehr lieb aussieht. Als er eine Frau beobachtet, die ein Problem mit dem Kinderwagen hat, läuft der Mann weiter, und hilft ihr nicht. Der Mann ignoriert alles, was in der Welt passiert. Er will nur allein bleiben, ohne Farben, außer schwarz und weiß.

In der Nacht verlässt der Mann seine Wohnung, weil er als Taxifahrer arbeitet. Er wartet, bis ihn jemand anruft. Es klingelt und er hört eine weibliche Stimme. Sie sagt ihm, wo sie ist und wohin sie fahren möchte: „Sendlinger Tor, Disco Paradies. Ich möchte nach Hause fahren.” Er verdreht die Augen und fährt los. Nach einer Weile steigt die Frau in das Taxi ein. Als der Fahrer wieder losgefahren ist, beginnt sie wie ein Wasserfall laut und schnell zu reden. Der Mann umklammert das Lenkrad fester, er mag keine Kunden, die viel reden. Ihm fällt ein, dass die Frau nicht gesagt hat, wohin sie fahren will.

„Kundin, wohin möchten Sie fahren?” sagt er ärgerlich. „Links, rechts und dann gerade aus” antwortet sie. Die Frau redet weiter und der Mann bekommt langsam Kopfschmerzen. Sie spricht über ihre Familie, ihren Ex- Freund und ihre Lieblingshobbys und das interessiert ihn nicht! „Was ist das hier?“ fragt er, als er merkt, dass sie hier schon waren, aber die Frau antwortet nicht und redet weiter. Er will noch mal mit lauter Stimme fragen, aber sie lässt ihn nicht: „…und … es regnet!” sagt sie und schaut aus dem Fenster. Der Fahrer wird rot wie eine Tomate. Er hasst so ein Wetter und wäre jetzt lieber zu Hause.

„Stopp, stopp” ruft sie laut. „Endlich” denkt er und hält das Auto an. Ihm fällt ein Stein vom Herzen, aber die Frau zahlt nicht und steigt einfach aus.

Dunkle Regentage, abgeschirmte Gesichter. Schnell nach Hause? Lilians Protagonistin hat eine bessere Idee. FotoTodd Dietmer

 Sie fängt an zu tanzen, schaut nach oben zum Himmel und schließt dann die Augen. Sie will den Regen fühlen, breitet ihre Arme aus, hüpft und dreht sich gleichzeitig mit ihrem langen roten Kleid. „Aber Kundin, Sie müssen noch zah…” sagt der Fahrer, nach- dem er ausgestiegen ist, aber er kann den Satz nicht beenden. Sie nimmt seine Hände in ihre Hände und fängt mit ihm zu tanzen an. In diesem Moment spürt der Mann wie einfach es ist glücklich zu sein.

Ich habe einen einsamen Mann gesehen, der nicht mehr einsam ist. Er tanzt durch die Stadt mit glücklichen Augen und einem großen Lächeln. Er hat gelernt, wie er sein Leben bunt macht.