Deutschland zwischen Traum und Wirklichkeit

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Ich weiß nicht genau, wann ich das erste Mal von Deutschland gehört habe. „I love Germany“ – diesen Satz hatte ich in meinen Schriften auf Englisch in allen meinen Schulheften stehen. Er hat auf die Hoffnung und Träume, nach Deutschland zu gehen, gebaut. Durch das Lesen von arabischen Zeitschriften habe ich von Deutschland gehört, lange bevor ich 15 Jahre alt war. Werbungen haben mein Interesse geweckt, mehr von Deutschland wissen zu wollen. Es waren beispielsweise Fluggesellschaften, wie die Lufthansa. Die Passagiere von Lufthansa sagten zum Beispiel: „Die Lufthansa ist sehr schnell“, „Die Lufthansa ist sehr sicher“ oder „Die Lufthansa ist sehr bequem“. Das war der Beginn meines Interesses für Deutschland und veranlasste mich, ein deutsch-arabisches Wörterbuch zu kaufen. Ich habe diese Werbungen gesammelt. Sie liegen heute noch bei meinen Büchern, die ich in Libyen zurücklassen musste. Vielleicht weil ich ein Kind war, wollte ich unbedingt Pilot werden.

Dazu gibt es eine schöne Geschichte: Ich bin zwei Jahre alt und mit meiner Mutter im Flughafen. Meine Mutter ist müde und schläft ein. Als sie aufwacht, bin ich weg. Meine Mutter erschrickt und fragt die Stewardess: „Ich suche meinen Sohn, wo ist er?“ Die Stewardess nimmt meine Mutter mit und zeigt ihr, wie ich auf dem Schoß des Piloten sitze. Meine Frage ist: Habe ich Deutschland so vorgefunden, wie ich es mir erträumt habe? Warum bin ich überhaupt nach Deutschland gekommen? Eigentlich wollte ich nach Schweden, weil wir – meine drei Kinder, meine Frau und ich – Palästinenser sind. Palästinenser bekommen schnell eine Aufenthaltsgenehmigung und einen schwedischen Pass nach wenigen Jahren. Aber wir sind in München gelandet und das Wetter ist hier viel besser als in Schweden. Auch die Wirtschaft ist in Deutschland stärker und die deutsche Sprache wird mehr auf der Welt gesprochen. Was mir hier gefällt: In Deutschland ist die Sicherheit viel besser als in Libyen, auch wenn es in Libyen „normal“ zugeht. Zum Beispiel hat Gaddafi Leute durch den Geheimdienst überwacht, eine freie Meinung war nicht möglich. Wer verdächtig war, kam ins Gefängnis.

Hier in Deutschland ist auch die Krankenversorgung, die Bildung, das System „Sozialstaat“ gut. Mir gefällt auch, dass man hier viel Sport treiben kann. Ich habe mich für Volleyball, Fitness und Fußball angemeldet. Ich habe hier Kontakte zur Universität und zwei Vorträge über Palästina und Libyen gehalten.

Ein Vortrag ging über „Muammar al-Gaddafis Diktatur und die Situation der in Libyen lebenden Migranten“. Der zweite Vortrag hieß „Palästina und Gaza aus politikwissenschaftlicher Perspektive“.

Illustration: Elena Buono

Es gibt viele Möglichkeiten in Deutschland: Zum Beispiel habe ich ein Praktikum in einer Apotheke im Zentrum Münchens gemacht, denn ich bin Apotheker. Diese Erfahrung war sehr gut, weil das System hier ganz anders und besser ist. Meine Kollegen waren fast alle sehr freundlich. Auch ohne die Hilfe von Freunden und Bekannten könnten meine Frau und ich nicht die Sprache üben oder ich diesen Artikel schreiben. Das ist sehr wichtig. Denn die starke Bürokratie betrifft uns Flüchtlinge. Ohne Recht auf Asyl habe ich keine Chance, die deutsche Sprache in einem zusammenhängenden Kurs zu erlernen, weil ich nicht aus Syrien komme und keine Aufenthaltsgenehmigung habe. Nach fast dreieinhalb Jahren ist das ein Hindernis beim Lernen, Arbeiten und so weiter.

Was mir auch auffällt: Die deutschen Medien berichten nur fünf Prozent über arabische Länder (Kultur, Politik) und 95 Prozent über andere Weltpolitik. Das macht mich traurig. Ein großer Unterschied zwischen Deutschland und Libyen: In Deutschland sind die Leute sehr pünktlich. In Libyen kommt man eine halbe oder eine Stunde später, wenn man sich trifft und entschuldigt sich nicht. Die Leute haben viel Zeit. Pünktlichkeit ist nicht wichtig. Es ist normal, zu warten. Manchmal gab es seltsame Situationen. Ich ging in Libyen zum Amt und wollte einen bestimmten Mann sprechen. Der Beamte sagte mir: „Er ist nicht da, er ist heute nicht gekommen.“ Dabei war dieser Beamte genau der Mann, den ich sprechen wollte!

Was ich in Deutschland mag, ist die Vielfalt der Institutionen und der Kulturzentren. Was ich nicht so mag, ist die Form von sozialen Beziehungen in Deutschland. Zum Beispiel verstehen wir uns mit unseren Nachbarn gut, aber wir haben sonst keinen Kontakt. In Arabien hat man immer Kontakt mit anderen. Hier ist man lange Zeit alleine. Ich denke, dass es in der deutschen Gesellschaft ein großes Ungleichgewicht gibt: Oft scheinen mir die Kontakte zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Ehepartnern nicht sehr gut. Das ist in Libyen besser. Es ist mir eine große Freude, dass ich auf Arabisch den Koran lesen kann, die deutsche Sprache von Einstein und Hegel kennenlernen kann, weil die Philosophie in Griechenland geboren wurde und in Deutschland weiterentwickelt worden ist. Auch die Musik von Beethoven oder Mozart, von Daniel Barenboim dirigiert und gespielt, höre ich sehr gerne. Insgesamt möchte ich – trotz meiner Kritik – meine Zufriedenheit äußern, dass ich nach Deutschland kommen durfte. Natürlich ist es hier viel besser als in Libyen. Meine Kritik an beiden Ländern kommt daher, dass ich sie liebe.