“Perspektivwechsel – wie Geflüchtete auf die Pandemie blicken” – Samh Yousef

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on pinterest

Der eine denkt an den Weltuntergang, der andere nur an Klopapier

Früher hieß es, wenn man zu Hause bleibt, dann ist man faul. Heute wird man dafür als Held bezeichnet. Das Corona-Virus hat die ganze Erde verändert. Unsere Pläne müssen abgesagt werden, Teile der Firmen haben aufgehört, viele sind arbeitslos geworden und manche sind trotz der schwierigen Situation für uns da, damit wir einkaufen gehen und in die Stadt fahren können.

Das Jahr 2020 ist das Jahr der Katastrophen. Jeden Monat ist etwas passiert, was uns dem Ende der Welt näherbringt. Ich vermute, dass es in den kommenden Monaten noch Dinosaurier und Zombies geben wird und dass der Meteor, von dem die Nasa immer spricht, uns erreichen und die Erde zerstören wird.

Die Situation ist leider nicht lustig und viele sind dadurch gestorben, weil sie es nicht geglaubt haben und die Warnhinweise nicht ernst genommen haben.

Zuerst habe ich auch nicht daran geglaubt und ich dachte nie, dass es eine Ausgangsperre geben könnte. Doch so etwas ist real geworden, wir müssen Mundschutz tragen und unsere Hände gründlich waschen. Ich habe meine Hände nie in meinem Leben so gründlich gewaschen wie in diesem Jahr. Das Jahr hat mich besser erzogen als es meine Eltern konnten. Alle Menschen haben viel Klopapier gekauft, was ich aber nicht verstanden habe. Die Menschen haben einen Streit angefangen, weil es wenig davon gab. Viele Menschen denken, dass es das Ende der Menschheit sei und andere denken nur an Klopapier. Gott sei Dank, dass wir Araber kein Klopapier, sondern Wasser benutzen, sonst wäre noch ein zusätzliches Vorurteil über uns gewesen, dass wir den anderen Menschen alles weg kaufen.  

Illustration: Caro Zwinz

Die Situation hat für mich noch eine zusätzliche Konsequenz gehabt. Ich war total isoliert, einsam und verloren. Ich habe über mein Leben nachgedacht, wie es weiter gehen soll. Ich kann nicht arbeiten, die Universität findet online statt – wie kann ich Klausuren belegen und wie werde ich das Semester durchmachen? So viele Gedanken sind in meinem Gehirn geschwommen, ein Gedanke bringt mich zum Ufer und der andere zieht mich ins Meer. Nach langem Grübeln war ich der Auffassung, dass es für mich nichts geändert hat. Vor Corona saß ich täglich allein zu Hause, ich traf kaum Freunde außer auf Veranstaltungen und sowieso ruft mich fast niemand an, außer ein paar Freunden, die an mich denken. Ich hatte große Angst um meine Familie, die in Syrien immer noch lebt. Wir Menschen sind ganz schwach und wir müssen das im Kopf haben, ein kleines Virus kann unser Leben vernichten und uns von diesem Planeten löschen, vielleicht hat die Erde zu uns gesagt: Ihr hättet mit mir und mit euren Brüdern anderes umgehen sollen.

Ich hoffe, dass wir alle etwas aus dieser Lektion gelernt haben. Wir brauchen einander, damit das Schiff weiter im Meer segeln kann. Müssen wir Angst haben? Nein, wir sollten vernünftig sein und an die Menschen, welche für uns von Bedeutung sind, denken.

Diese Zeit wird vergehen und die Sonne wird wieder strahlen und wir werden feiern und Bier im Biergarten trinken. Das Treffen mit Freunden wird uns wieder Freude verbreiten und die Liebe bringt uns wieder zusammen. Der Sommer ist da und bald beginnen die Verabredungen und Dates wieder. Aber bitte Abstand halten und keine Hände schütteln und wenn ihr einen Kuss haben wollt, bitte tragt eine Maske dabei.

Bleibt gesund.