5 Jahre LWC – Integration fängt sofort an

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Interview mit Yasin Rahmati

Yasin (22) ist ohne Eltern geflohen und kam im August 2015 mit seinem jüngeren Bruder nach Deutschland. Er hat noch Familie in Kabul/Afghanistan. In seiner Heimat ist er nur ein Jahr in die Schule gegangen, hat aber in München Zugang zur SchlaU-Schule gefunden und dort im Juli 2018 schon die Mittlere Reife erworben. Derzeit besucht er die Montessori-Oberschule. Während seines Aufenthaltes in der Bayernkaserne war er oft am Lighthouse und hat sich Informationen geholt.

Gründung der neuen Ortsgruppe in Garmisch-Partenkirchen (Yasin erster v. links)

Yasin, schön, dass du eingewilligt hast, bei unserer Sonderausgabe »Fünf Jahre Lighthouse« mitzumachen. Wann hast du zum ersten Mal vom Lighthouse Welcome Center® gehört?

Das war Anfang August 2015. Ich war mit meinem jüngeren Bruder über Öster- reich nach München gekommen, und wir wurden als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sofort in der Bayernkaserne untergebracht. Aber wir waren nur zwei Wochen dort. Ich fand es wunderbar, dass sich so viele Menschen dort freiwillig engagieren, im Lighthouse, im Infobus, in der Kleiderkammer. Diese Kultur war neu für mich. Später war ich dann länger dort.

Was hast du in der ersten Zeit in der Bayernkaserne gemacht?

Ich habe den ganzen Tag Gespräche
mit Leuten aus verschiedenen Ländern geführt. Themen waren natürlich der Fluchtgrund, der Fluchtweg und die Zu- kunft in Deutschland. Am dritten Tag hat mir mein großer Cousin von heimaten – Jugend erzählt. Ich war neugierig, wollte wissen, wie der Alltag von Jugendlichen hier ist. Und Jugendarbeit gibt es in Afghanistan nicht. Ich war begeistert und bin gleich Mitglied im Verein heimaten e.V. geworden, denn ich dachte, das könnte ein Weg sein, in die deutsche Gesellschaft hineinzukommen und Kontakte zu knüpfen.

Was bedeutet die Mitgliedschaft bei heimaten e.V für dich?

Sehr viel. Heimaten e.V. ist die richtige Organisation für Neuankömmlinge. Man bekommt Infos, soziale Kontakte, gewinnt Freunde, kann sich austauschen und sich für seine Rechte und für die der anderen einsetzen. Ich will politisch aktiv sein.

Konntest du dich denn schon auf Deutsch verständigen?

Natürlich nicht viel, aber ich lerne gerne Sprachen. Schon auf der Flucht habe ich mithilfe des Smartphone 1000 Vokabeln gelernt und bin mit einem Deutschheft angekommen. Mir war wichtig, ein paar Vokabeln zu kennen, wenn ich in einem fremden Land ankomme. Außerdem wollte ich erfahren, was es heißt, deutsch zu sein und welche Rolle z.B. Bildung und Erziehung hier spielt.

Wann warst du dann wieder in der Bayernkaserne?

Nach sieben bis acht Monaten, und zwar bei den erwachsenen Männern, da ich inzwischen volljährig war und nicht mehr in der Jugendhilfe sein konnte. Davor war ich zusammen mit meinem Bruder in einer Asylbewerberunterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge erst in München und dann in Ebersberg. Während dieser Zeit habe ich bei der Initiativgruppe einen Deutschkurs besucht.

Wie lange warst du dann in der Bayernkaserne und wie hast du das Lighthouse Welcome Centers® wahr- genommen?

Ich war acht Monate lang in der Bayernkaserne und oft am Lighthouse. Was ich besonders gut fand, waren die Informationen, die man bekommen konnte, über den MVV und zu allen möglichen Fragen. Und es gab Tee oder Kaffee, das fand ich alles toll. Ich habe dann über heimaten e.V. auch selbst ein Projekt organisiert.

 

heimaten e.V.

eimaten e.V. ist eine Plattform für interkulturellen Dialog, für Jugendarbeit, Bildung und Austausch. Die Mitglieder kommen aus dem Irak, Syrien, Afghanistan, Türkei, Sierra Leone, Somalia, Öster- reich und Deutschland.

Junge Geflüchtete können sich dort regelmäßig zu Gesprächen treffen, gemeinsame Aktivitäten planen, politisch aktiv werden, sich für andere einsetzen und Tagesausflüge in München und Umgebung sowie Reisen in andere Städte unternehmen, um ihre neue Heimat kennen zu lernen und zu verstehen.

Seit 2013 gehört auch die Jugendorganisation heimaten-Jugend dazu.

» Man ist nicht Flüchtling, wenn man nach Jahren Anerkennung immer noch Flüchtling genannt wird. «

Die SchlaU- Schule

An der SchlaU-Schule werden rund 300 junge Flüchtlinge in bis zu 20 Klassen unterrichtet und zum Schulabschluss geführt. SchlaU bedeutet schulanaloger Unterricht.

Die Kernfächer entsprechen der Mittelschule. Neben dem Schulunterricht werden die Schüler*innen intensiv gefördert, um an eine weiterführende Schule wechseln oder eine Ausbildung beginnen zu können.

Das Programm »SchlaU Übergang Schule-Beruf« unterstützt sie auch während dieser Zeit.

Was war das für ein Projekt?

Ich bin mit jungen Geflüchteten aus verschiedenen Unterkünften ein Wochen- ende nach Schliersee gefahren und habe sie über Asylrecht, Schule, Bildung etc. informiert. Meiner Meinung nach fängt Integration sofort an.

Du hast dich aber selbst auch aktiv darum gekümmert. Was oder wer hat dir dabei geholfen?

Auf jeden Fall der Kontakt zu heimaten e.V. In der Bayernkaserne war es nämlich schwierig zu lernen, wir waren 15 Leute in einem Zimmer und es war megalaut, ich lag die ganze Nacht wach. Über den Verein habe ich dann Kontakt zur SchlaU-Schule bekommen und ich konnte in eine Asylbewerberunterkunft in Pasing umziehen, wo wir nur zu zweit auf dem Zimmer waren. 2016/2017 – das war ein Glücksjahr für mich. Ich habe außerdem noch die Anerkennung bekommen und war auf meiner ersten Demo zum Schulrecht.

Nach dem Quali in der SchlaU-Schule hast du beschlossen, eine weiterführende Schule zu besuchen. Weshalb? Was war dir dabei wichtig?

Ich bin derzeit in der Montessori-Oberschule. In Afghanistan war ich nur sechs bis sieben Monate in der Schule und habe nur eine einzige Klasse besucht. Für mich liegt die Herausforderung darin, wie weit ich hier in meinem neuen Leben komme, ohne Schulbildung in Afghanistan. Mein großes Glück war, dass ich in das Förderprogramm »Pro Ausbildung« der Lichterkette e.V. aufgenommen wurde und finanziell unterstützt werde.

Yasin, du hast schon viel erreicht. Worin liegen deine Stärken?

Ich denke, sie liegen darin, dass ich Sachen ausprobiere, die nicht einfach sind. Zum Beispiel die Jugendarbeit bei heimaten e.V. oder meine Praktika im Landtag und beim Bayerischen Jugendring. Das sind alles große Sachen für mich. Und als nächstes mache ich eine Ausbildung.

Wie ist deine Situation im Moment?

Ich habe alles erreicht, was ich wollte, ich habe sogar eine Wohnung. Was mir fehlt, ist mein Bruder. Er lebt in Ingolstadt und es geht ihm nicht gut, er ist psychisch unter Druck. Das tut mir weh. Sein Asylgesuch wurde abgelehnt und er hat Angst vor der Abschiebung. Sollte es dazu kommen, gehe ich mit ihm zurück nach Afghanistan. Ohne ihn will ich nicht hier leben.

Wie lange ist man ein Flüchtling?

So lange, bis die anderen mich nicht so nennen, bis Aussehen und Hautfarbe zum Alltag gehören und man wählen darf. Ich lebe hier wie alle anderen Deutschen. Ich will Bürger werden, Neubürger. Wir alle sind hier in einer kleinen Migrationsgesellschaft. Man ist nicht Flüchtling, wenn man nach Jahren Anerkennung immer noch Flüchtling genannt wird, denn der Begriff Flüchtling ist für Menschen, die gerade auf dem Fluchtweg sind. Mich als Flüchtling zu betrachten, empfinde ich als Ausgrenzung.

Vielen Dank für das Gespräch, Yasin, und alles Gute für dich und deinen Bruder.

Sechs Jugendorganisationen beim Tag der Jugend vom Bayerischen Jugendring

Raphael Müller-Hotop

Ich heiße Raphael Müller-Hotop, bin Psychologe und war von Oktober 2014 bis August 2019 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des NeuLand e.V.. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue das Engagement der AutorInnen und Ehrenamtlichen mitzuerleben und gemeinsam mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen dieses verbindende Projekt mitzugestalten. Was mir an NeuLand außerdem besonders gefällt ist der Austausch mit den AutorInnen und unser Ziel, durch die Vermittlung eines breiten Spektrums an Perspektiven Verstehen, Kennenlernen und Dialog zu fördern.